/ 21.06.2013
Victor Zaslavsky
Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn. Aus dem Italienischen von Rita Seuß
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2007 (WAT 579); 141 S.; 10,90 €; ISBN 978-3-8031-2579-8Das Massaker von Katyn, bei dem der sowjetische Geheimdienst NKWD im Frühjahr 1940 über 25.000 polnische Kriegsgefangene umbrachte, ist unter anderem durch den neuen Film von Andrzej Wajda stärker ins Bewusstsein gerückt. In Polen nimmt das Massaker von Katyn spätestens seit der Wende von 1989 den Platz eines nationalen Erinnerungsortes im Sinne von Etienne François ein. Der russisch-amerikanische Politikwissenschaftler Zaslavsky schildert das Massaker als Teil einer systematisch betriebenen Auslöschung der polnischen Oberschicht durch die sowjetrussische Besatzungsmacht. Die in den Wäldern von Katyn erschossenen polnischen Offiziere waren zum großen Teil Reservisten – im bürgerlichen Leben vorwiegend Angehörige der polnischen Intelligenz. Zu den Opfern des Massakers kommen die Todesfälle in Folge der Massendeportationen und in den Arbeitslagern. Zaslavsky beziffert die Zahl der polnischen Todesopfer im sowjetisch besetzten Ostpolen auf etwa 430.000, bei einer Bevölkerungszahl von 11 Millionen. Detailliert werden Quellen ausgewertet, die die Pläne des Politbüros zur „Endlösung“ (43) für die polnischen Offiziere dokumentieren. Die Kategorisierung des sowjetischen Terrors in Polen als „Klassensäuberung“ verweist auf die strukturellen Affinitäten zwischen der totalitären Besatzungspolitik des nationalsozialistischen und des stalinistischen Regimes. Dokumente, die die Zusammenarbeit von Gestapo und NKWD bei der Vernichtung der möglichen Träger des polnischen Widerstandes im Detail belegen, sind in Russland nach wie vor unter Verschluss. Dass es diese Zusammenarbeit im Frühjahr 1940 gab, sei aber erwiesen. Der zweite Schwerpunkt des Buches liegt auf der Darstellung der sowjetischen Geschichtsfälschung. Von 1941 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 galt das Massaker von Katyn als Staatsgeheimnis, in der offiziellen Propaganda rechnete man es den Deutschen zu. Diese Verleugnung der wahren Urheberschaft durch die sowjetische Führung wurde von den ehemaligen Alliierten aus pragmatischen Gründen wider besseres Wissen gefördert, in den USA bis in die 50er-Jahre, in Großbritannien bis 1989.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 4.1 | 2.61 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Victor Zaslavsky: Klassensäuberung. Berlin: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28293-klassensaeuberung_33303, veröffentlicht am 28.03.2008.
Buch-Nr.: 33303
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
CC-BY-NC-SA