/ 11.06.2013
Barbara Schüler
"Im Geiste der Gemordeten ...": Die "Weiße Rose" und ihre Wirkung in der Nachkriegszeit
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2000 (Politik- und Kommunikationswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft 19); 548 S.; kart., 68,- DM; ISBN 3-506-76828-XGeschichtswiss. Diss. Tübingen; Gutachter: A. Doering-Manteuffel, A. Wirsching. - Schülers intellektuelle Biographie der "Weißen Rose" geht von der Überlegung aus, dass die Ereignisgeschichte der Widerstandsgruppe als "chronologische Verengung auf knapp zwei Jahre" den "'Geist der Gemordeten', die Ideale und Ideen, die die 'Weiße Rose' zu ihrem Widerstand führten" (12), nicht adäquat erfassen könne. Das Buch ist dementsprechend in drei Teile aufgeteilt: Zunächst geht es um die "Vorgeschichte" der "Weißen Rose", die Schüler anhand biographischer und geistiger Prägungen der Geschwister Scholl und Otl Aichers nachzeichnet. Dem folgt eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der "Weißen Rose", bei der es Schüler besonders um die unterschiedlichen Deutungen und Mythen in Rezeption und Wirkung geht. Die "Wirkungsgeschichte" der Ideen der "Weißen Rose" im weiteren Sinne ist Gegenstand des dritten Teils der Arbeit, in der die von Inge Scholl und Otl Aichers (den "Leitbiographien" [14] der Arbeit) begründete Volkshochschule Ulm beziehungsweise die Geschwister-Scholl-Hochschule als konkrete Fortführung des "Geistes" der Gruppe gedeutet wird. Die Arbeit fußt auf einem beträchtlichen Umfang an ausgewerteten Archivmaterialien (etwa Briefwechsel aus Privatsammlungen) sowie zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen. Besondere Bedeutung erlangt in Schülers Darstellung die Frage der Religion und die Hinwendung der Geschwister Scholl vom Protestantismus zum Katholizismus. Über eine eingehende Rekonstruktion der Lektüre und Diskussions/index.php?option=com_content&view=article&id=41317 im Kreise der Scholls identifiziert Schüler die Debatten um den "Renouveau Catholique" als wesentlichen geistigen Einfluss: "Das 'Tagebuch eines Landpfarrers' von Bernanos, der 'Seidene Schuh' von Claudel und schließlich die große Abhandlung von Jacques Maritain über christlichen Humanismus, in dem die Erkenntnisbemühungen kulminierten. Hier fanden sie eine tragfähige Gesinnung, hier fanden sie einen dritten Weg zwischen Individuum und Kollektiv, Glauben und Verstehen, Denken und Handeln." (151) Zur Diskussion über die Deutung der "Weißen Rose" in der Nachkriegszeit greift Schüler u. a. auf einen nicht-realisierten Filmentwurf Carl Zuckmayers zurück. Ihre (begründete) Kritik an einer Art "Sonntagsreden"-Erinnerung an die "Weiße Rose" bringt sie in überflüssig pointierter Sprache zum Ausdruck: "Eine billige Einordnung der Gedankenwelt erhöht vielleicht den Marktwert des Geschriebenen, allerdings um den hohen Preis einer Missachtung ihrer eigentlichen Intentionen - im Grunde eine Hinrichtung mit anderen Mitteln." (261) Gleichwohl kann Schülers Arbeit zweifelsohne als Wegweiser in der von ihr für Widerstandsgruppen allgemein attestierten "Gratwanderung zwischen Vermächtnis und Vermarktung" (468) gelten.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Barbara Schüler: "Im Geiste der Gemordeten ...": Die "Weiße Rose" und ihre Wirkung in der Nachkriegszeit Paderborn u. a.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10708-im-geiste-der-gemordeten--die-weisse-rose-und-ihre-wirkung-in-der-nachkriegszeit_12659, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12659
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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