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/ 22.06.2013
Frank Ruda

Hegels Pöbel. Eine Untersuchung der "Grundlinien der Philosophie des Rechts"

Konstanz: Konstanz University Press 2011; 276 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-86253-010-6
Philosoph. Diss. Potsdam. – Auch wenn am Anfang die methodologische Fiktion steht, dass wir nichts vom Übergang von Hegel zu Marx wissen, ist der Topos des Übergangs vom Pöbel zum Proletariat doch im gesamten Buch präsent und wird im abschließenden Kapitel wieder ausdrücklich aufgegriffen. Ruda identifiziert mit dem Aufkommen des Pöbels diejenige Stelle in der systematischen Philosophie Hegels, die dessen „begriffliche und philosophische Mittel der Kategorisierung“ (102) übersteigt. Mit der Emergenz des Pöbels offenbaren sich nicht nur die sozialen Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch die logischen Grenzen des Hegel’schen Systems. Der Pöbel ist der Stachel im Fleisch der Hegel’schen Philosophie der Freiheit und offenbart für Ruda schlussendlich „ein Primat der Gleichheit vor der Freiheit“ (242). Auf dem Weg zu diesem auf das Marx’sche Gattungswesen verweisenden Schluss durchläuft die Argumentation eine detaillierte und spannende Bestimmung des Pöbels, die anhand einer engen Lektüre der ausschlaggebenden Hegel’schen Texte erfolgt. Von der Logik der Emergenz des Armuts- wie des Luxus-Pöbels über die Forderung des Pöbels auf das „Recht ohne Recht“ (99) auf Subsistenz ohne Arbeit bis hin zur Bestimmung der Pöbel-Gesinnung und der latenten Universalität des Pöbels finden sich eine ganze Reihe höchst spannender Einsichten. Gleichwohl steht und fällt die gesamte Argumentation Rudas mit einer entscheidenden Prämisse, nämlich der Feststellung, dass „die bürgerliche Gesellschaft […] unausweichlich und notwendig Armut“ (102) hervorbringt. Erstaunlicherweise wird eben diese Prämisse weitgehend unhinterfragt von Marx und Hegel übernommen, ohne sie selbst auch einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Denn sollte sich der Kapitalismus als hinreichend lernfähig erweisen und das Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft auf Subsistenz aller durch Arbeit doch einmal einlösen, erwiese sich auch die Pöbel-Diskussion als hinfällig. Rudas Arbeit, die mittlerweile auch auf Englisch und bald auf Französisch vorliegt, ist dennoch ein ausgesprochen wichtiges Buch, das auf die Aktualität und fundamentale Bedeutung des Hegel’schen und Marx’schen Denkens verweist. Der Autor versteht seine Arbeit in letzter Instanz als einen Beitrag zur poststrukturalistischen Hegel-Interpretation besonders im Anschluss an Badiou und Žižek (der das Vorwort verfasst hat), sie ist jedoch an vielen Stellen auch für eine weniger postmoderne Lesart und zum Zweck einer normativen Gegenwartskritik ausgesprochen aufschlussreich.
Andreas Braune (BR)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Projekt "Bildung zur Freiheit", Institut für Politikwissenschaf, Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Rubrizierung: 5.33 Empfohlene Zitierweise: Andreas Braune, Rezension zu: Frank Ruda: Hegels Pöbel. Konstanz: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33612-hegels-poebel_40241, veröffentlicht am 03.11.2011. Buch-Nr.: 40241 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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