/ 12.06.2013
Hans J. Gießmann / Bernhard Rinke (Hrsg.)
Handbuch Frieden
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011; 640 S.; 49,95 €; ISBN 978-3-531-16011-5Braucht man so etwas – ein über 600 Seiten starkes Kompendium, bestehend aus 50 Sachbeiträgen mit Titeln wie „Frieden und klassische Musik“ (Senghaas), „Frieden und Olympia“ (Güldenpfennig), aber auch „Frieden und nachhaltige Entwicklung“ (Scheffran), „Kultur des Friedens“ (Merkel) und „Gerechter Friede“ (Strub)? Die Antwort: Dringend braucht man das! Angesichts eifriger (und eifernder) Debatten um die Frage, wie geboten und legitim militärische Interventionen gegen Diktatoren südlich des Mittelmeers sind, gibt es wenig bessere Zeitpunkte, die zum Teil ausgezeichnet geschriebenen Beiträge zu konsultieren. Die in drei zusammenhängende Komplexe gegliederten Beiträge sind alle erhellend, vielfach ohne anbiedernd zu sein unterhaltsam und in jedem Fall relevant. Ob Reinhard Meyers die „Ausfransung des Friedensbegriffs“ (42) auch in der Friedenswissenschaft kritisiert; ob Martin Kahl und Bernhard Rinke den Friedensbegriff in gängigen Theorien der Internationalen Beziehungen verorten und dabei zeigen, wie wenig er aus den Vorstellungen vom klassischen Staatenkrieg hervorgeht; ob Lothar Brock zeigt, dass der Demokratische Frieden unter der Hand zum Demokratischen Krieg mutieren kann; oder ob Wolfgang S. Heinz konstatiert, dass die „Terroranschläge in den letzten Jahren, aber auch eine dadurch geschürte politische Hysterie und die bewaffneten Feldzüge gegen mutmaßliche Drahtzieher des Terrors [...] das Klima für die effektive Durchsetzung der Menschenrechte verschlechtert“ (410) haben und damit den Frieden gefährden: Immer weisen die Artikel auf die wesentlichen Entwicklungen und Zusammenhänge eines Themenkomplexes hin. Dass es dabei zu kleineren Überschneidungen kommt, ist insbesondere deshalb zu verschmerzen, weil so häufig die Reibungsflächen der einzelnen Themen vor Augen geführt werden. Bei all dem Lob bleibt jedoch eines kritisch zu bemerken, das jedoch für ein Kompendium dieser Art vielleicht zu viel verlangt ist: Die kritischen, das Bestehende hinterfragenden Anteile der Beiträge sind mitunter abwesend. In Zeiten, in denen von einem Frieden zu reden, der nicht militärisch „abgesichert“ (Gießmann, 551) ist, beinah schon revoluzzerisch erscheint, fallen einem schon noch Fragen ein, die direkt mit dem Frieden zusammenhängen: Was, wenn eine dysfunktionale Marktwirtschaft die Friedensfähigkeit der gesellschaftlichen Systeme überfordert? Was, wenn das liberale Modell in weiten Teilen der Welt schlicht nicht zustimmungsfähig und mithin nur mangelhaft legitimierbar ist? Was, wenn Staatsaufbau bestenfalls ambivalent ist (wie im Beitrag von Schneckener thematisiert), was die Fähigkeit angeht, Frieden zu stiften? Und so weiter – bei all dem Input und der mitunter nahezu überwältigenden Inspiration, die der Leser erfährt, bleibt also Raum für eigene Überlegungen.
Florian Peter Kühn (KÜ)
Dr., M. P. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Internationale Politik, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 1.1 | 2.2 | 3.1 | 4.1 | 4.41 Empfohlene Zitierweise: Florian Peter Kühn, Rezension zu: Hans J. Gießmann / Bernhard Rinke (Hrsg.): Handbuch Frieden Wiesbaden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14494-handbuch-frieden_40766, veröffentlicht am 15.09.2011. Buch-Nr.: 40766 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenDr., M. P. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Internationale Politik, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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