/ 04.06.2013
Fred Kautz
Goldhagen und die "Hürnen Sewfriedte" Die Holocaust-Forschung im Sperrfeuer der Flakhelfer
Berlin/Hamburg: Argument 1998 (Edition Philosophie und Sozialwissenschaften 48); 133 S.; brosch., 27,80 DM; ISBN 3-88619-648-8Der Band ist als Streitschrift angelegt, was in der Anspielung des Titels auf den "heimtückischen Mord" Hagens an Siegfried seine Entsprechung findet. Der Autor liest die Beiträge zur sogenannten Goldhagen-Kontroverse (vgl. Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker, 1996, siehe ZPol 4/96: 1.136 f.) in Deutschland unter der Prämisse, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Kritiker und Rezensenten aus Historikerkreisen Goldhagens Buch in erster Linie nicht aus wissenschaftlich-methodischen Gründen verworfen habe. Vielmehr komme in der deutlichen Zurückweisung des Untersuchungs- und Darstellungsansatzes, den Goldhagen gewählt habe, die pauschale oder prinizipielle Ablehnung einer "intentionalistischen Historiographie" zum Ausdruck. Goldhagens Kritiker, die der Autor durchweg der "strukturalen" bzw. "funktionalen Geschichtsschreibung" (11) zurechnet, versuchten die von Goldhagen vorgeschlagene Wendung des Erkenntnisinteresses der Holocaust-Forschung auf das (Täter-)Subjekt im eigenen Interesse zu diskreditieren. Sie alle seien in ihren akademischen bzw. privaten Biographien vielfältig mit Personen der NS-Tätergeneration verbunden und daher in der Beurteilung der NS-Verbrechen unter diesem Aspekt befangen. Ihre Entscheidung für eine strukturale Geschichtsschreibung der Institutionen, Entscheidungs- und Verfahrensprozesse etc. reflektiere diese Befangenheit, indem ihre Ursache darin systematisch-methodisch ausgeblendet werde.
Die Streitschrift fußt auf einer erschöpfenden Auswertung der Beiträge zur Goldhagen-Kontroverse und auf einer soliden Kenntnis des Forschungsstandes zum Nationalsozialismus und Holocaust, insbesondere auch der US-amerikanischen Literatur als dem Kontext des Goldhagen-Buches. Dennoch bleibt die Darlegung der These letztlich unbefriedigend. Grund dafür ist, daß ihr methodologischer Anspruch, eine Gegenüberstellung der intentionalistischen mit der strukturalen Geschichtsschreibung, mit den Mitteln einer Streitschrift nicht zu realisieren ist, zumal ihr Autor auf eine systematische Gliederung völlig verzichtet hat. Darüber hinaus beruht die unnötig polemische Rekonstruktion der tiefenpsychologischen Motivation einzelner Goldhagen-Kritiker auf z. T. plausiblen Vermutungen, selten jedoch auf stichhaltigen Belegen, die nur durch Selbstzeugnisse der angesprochenen Historiker zu erlangen wären.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Fred Kautz: Goldhagen und die "Hürnen Sewfriedte" Berlin/Hamburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6303-goldhagen-und-die-huernen-sewfriedte_8565, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 8565
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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