/ 18.06.2013
Norbert F. Pötzl
Erich Honecker. Eine deutsche Biographie
Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt 2002; 384 S.; geb., 24,90 €; ISBN 3-421-05585-8"Wie konnte ein äußerlich so unscheinbarer Mensch, ein intellektuell überforderter und rhetorisch unbegabter Politiker die Machtfülle, die er besaß, erringen und über so viele Jahre sich erhalten?" (7) Ausgehend von dieser Frage erzählt der "Spiegel"-Redakteur Pötzl den Lebensweg Honeckers, der zu Beginn seiner politischen Laufbahn gar nicht so farblos gewesen sei. Geprägt durch die ärmlichen Lebensumstände seiner Kindheit, sei die kommunistische Ideologie für ihn schon früh ein Religionsersatz in Gestalt eines schlichten Volksglaubens gewesen. Honecker war nicht nur zur rechten Zeit am richtigen Ort, als er im Frühjahr 1945 in Berlin Ulbricht traf, der ihn überredete, nicht ins Saarland zurückzugehen. Ausschlaggebend für seine politische Karriere seien sein Organisationstalent und sein ausgeprägtes Machtstreben gewesen. Nachdem ihm Breschnew erlaubt habe, sich an die Spitze der DDR-Führung zu setzen, habe Honecker die DDR nach sowjetischem Vorbild regiert. Diese Biografie, die auf Akten, Memoirenliteratur und ausführlichen Interviews mit Zeitzeugen basiert, bestätigt, dass die DDR in einem sehr hohen Maße von der Sowjetunion abhängig war und nur in der Deutschlandpolitik kleine Spielräume hatte. Aber auch für diesen Politikbereich hatte Honecker, dessen "Heimattümelei" (22) seine einzige Sentimentalität gewesen sei, kein Konzept. Diese Konzeptlosigkeit und Ignoranz gegenüber der Realität habe Honecker außerdem jede Warnung über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR in den Wind schlagen lassen. Auch findet sich kein Hinweis, dass Honecker, der von "lauter Lakaien umgeben" (131) war, jemals über die Konsequenzen, die die politische Unterdrückung und der Schießbefehl an der Mauer für das Schicksal vieler Menschen gehabt haben, nachgedacht hat.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Stuttgart/München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17223-erich-honecker_19817, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19817
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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