/ 20.06.2013
Oliver Flügel-Martinsen
Entzweiung. Die Normativität der Moderne
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2008 (Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 13); 247 S.; brosch., 29,- €; ISBN 978-3-8329-3379-1Diss. Hannover. – In der sozialphilosophischen Diskussion wird – im Anschluss an Hegel – der Prozess der Modernisierung zumeist als doppelte Entzweiung beschrieben, die zum einen Vorgänge der Auflösung traditionaler Bindungen, zum anderen als Folge zunehmender Verwissenschaftlichung die Erosion metaphysischer Weltbilder betreffen. Gemeinsam ist beiden Prozessen unter normativen Gesichtspunkten, dass mit der Pluralisierung von Lebensformen und Weltanschauungen keine spezifische Sicht mehr kollektive Geltung beanspruchen kann. Entzweiung bedeutet dann nicht nur Gewissheitsverlust in theoretisch-epistemologischer Hinsicht, in zeitdiagnostischer Perspektive gelten Phänomene sozialer Pathologien als Folge des Zerfalls eines gemeinsamen Wertehorizontes. Diesen Befund aufnehmend, stellt der Autor Probleme der Normativität sowohl als Fragen der normativen Begründbarkeit wie als Fragen einer Vermittlung moderner Lebensformen in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Den ersten Aspekt behandelt er primär an ausgewählten Antworten zeitgenössischer Philosophie auf die moderne Begründungsproblematik. Der zweite Aspekt setzt sich mit Konzeptualisierungen einer politisch-institutionellen Vermittlung pluralisierter Lebensformen auseinander. In beiden Teilen dienen jeweils als paradigmatische Positionen der Kommunitarismus (Charles Taylor), der Prozeduralismus (Jürgen Habermas) und der Dekonstruktivismus (Jacques Derrida). Auch wenn der Autor bei beiden Leitfragen als Ergebnis den „fluiden, sich stets entziehenden Charakter der Normativität der Moderne“ (11) festhält, so betont er doch die Notwendigkeit einer sich kritisch verstehenden Theorie von Gesellschaft. Das abschließende Kapitel dient deshalb – in starker Anlehnung an Derrida – einer Re-Aktualisierung der Marx’schen sozialphilosophischen Kritik des Kapitalismus.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.46 | 5.33
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Oliver Flügel-Martinsen: Entzweiung. Baden-Baden: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21878-entzweiung_34904, veröffentlicht am 20.01.2009.
Buch-Nr.: 34904
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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