/ 22.06.2013
Jürgen Geilfuss
Eigentum und Leistung in der sozialistischen Wirtschaftstheorie, insbesondere in der früheren DDR. Ein Beitrag zur Transformationsforschung
Frankfurt a. M.: Haag + Herchen Verlag 2010 (Frankfurter Abhandlungen zu den gesamten Staatswissenschaften 11); 370 S.; 39,80 €; ISBN 978-3-89846-604-2Diss. Erfurt; Gutachter: J. G. Backhaus. – Waren die Wirtschaftswissenschaftler der DDR überhaupt in der Lage, angesichts der ihnen auferlegten Aufgabe, die Planwirtschaft zu rechtfertigen, eine „alternative Strategie“ zu den „Markttheorien“ (13) zu entwickeln? Diese Frage steht im Zentrum dieser theoriehistorischen Darstellung, die der Autor vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen vornimmt: Geilfuss erwarb in der DDR einen Universitätsabschluss als Diplomwirtschaftler, arbeitete u. a. in dem volkseigenen Betrieb Carl Zeiss Jena als Betriebsorganisator und wandte sich nach der friedlichen Revolution der FDP zu. Seine Bestandsaufnahme der in der DDR vertretenen Theorie wird ergänzt um Meinungen von Experten und Zeitzeugen aus Ost- wie Westdeutschland, die Geilfuss interviewt hat. Zu den wichtigsten Ergebnissen der Untersuchung gehört, dass sich nach Ansicht des Autors „im Eigentum alle ökonomischen Fragen kreuzen und dass die Stellung zum Eigentum darüber entscheidet, ob ein Gemeinwesen auf Dauer in der Lage ist, sich unter Wohlfahrtsbedingungen erweitert zu reproduzieren“. Gesamtgesellschaftliches oder Volkseigentum habe sich als „lebensunfähiges Niemandseigentum“ (191) erwiesen. Am Beispiel der Leistungsbewertung in den ersten Jahren der DDR zeigt Geilfuss, dass sich mit Kennziffern wie Nettoproduktion und -gewinn keine materiell fassbaren Aussagen treffen ließen, zudem sei durch die „institutionell veranlasste Einfremdung“ (131) der Eigentümer und Nutzer von Grund und Boden das Verantwortungsgefühl, insbesondere für Umweltbelange, geschwunden. Die verzerrte Wahrnehmung der wirtschaftlichen Abläufe habe auch dazu geführt, dass der Export ins westliche Ausland, der dem Erwerb von Devisen diente, zumeist gleich mit Verlusten geplant worden sei. Diese Beispiele illustrieren nach Ansicht des Autors, dass von einer DDR-eigenen, tragfähigen Bildung einer Theorie, mit der wirtschaftliche Abläufe benannt und erklärt hätten werden können, keine Rede sein könne. Dazu scheinen weder die theoretischen Voraussetzungen gegeben gewesen zu sein, noch habe eine Gelegenheit bestanden: Von den Eliten sei „in erster Linie politisches Wohlverhalten und Systemloyalität erwartet“ worden (188).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 | 5.45
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jürgen Geilfuss: Eigentum und Leistung in der sozialistischen Wirtschaftstheorie, insbesondere in der früheren DDR. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32898-eigentum-und-leistung-in-der-sozialistischen-wirtschaftstheorie-insbesondere-in-der-frueheren-ddr_39294, veröffentlicht am 19.01.2011.
Buch-Nr.: 39294
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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