/ 21.06.2013
Marc Jongen / Sjoerd van Tuinen / Koenraad Hemelsoet (Hrsg.)
Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk
München: Wilhelm Fink Verlag 2009; 501 S.; 38,- €; ISBN 978-3-7705-4747-0„Es geschieht nicht oft, dass die interessierte Öffentlichkeit der Entstehung eines philosophischen Werks [...] in Echtzeit beiwohnen kann“ (11), schreiben die Herausgeber. In den Aufsätzen dieses Bandes wird allerdings weniger eine systematische Einführung in das Werk des Karlsruher Professors, der sich auch gerne mit provokanten Thesen in die öffentliche Debatte einmischt, geboten. Die Motive von Sloterdijks Denken würden vielmehr analysiert, interpretiert und variiert, so die Herausgeber – und kritisiert, möchte man nach der Lektüre anfügen. Insgesamt besticht der Band durch die Beiträge so namhafter Autoren wie Boris Goys, Slavoj Žižek, Konrad Paul Liessmann, Norbert Bolz und Jan Assmann, um nur einige wenige zu nennen – und sie sezieren Sloterdijks Gedanken mit spitzer Feder. Dabei ergeben sich durchaus Anschlussstellen an den politischen Teil der Philosophie, etwa wenn Sloterdijk die Geschichte des Westens als Geschichte des Zorns zu lesen vorschlägt – wobei sich Žižek erkennbar nicht mit der Interpretation des Faschismus „als eine abgeleitete Variante des genuin linken Projekts eines emanzipatorischen Zorns“ (282) anfreunden kann. Ein emanzipatorisches Projekt als „einen Fall von Neid und Ressentiment“ zu verunglimpfen, würde „einer Nietzschekarikatur gut zu Gesicht“ (287) stehen, so die wenig schmeichelhafte Kollegenschelte. Passend dazu konstatiert Koenrad Hemelsoet sinngemäß, Sloterdijk habe Nietzsche nicht völlig richtig verstanden und sei in seinem Anspruch, eine Philosophie nach Nietzsche zu entwickeln, nicht weit genug gegangen. Interessant ist auch, dass Bolz, statt wie in Aussicht gestellt eine Analogie zwischen Carl Schmitt und Sloterdijk zu erarbeiten, sich nur mit Ersterem beschäftigt und den Eindruck hinterlässt, dass Sloterdijks Theoriebildung nicht abgeschlossen ist. Nicht verschwiegen wird außerdem, dass Habermas mit dem Umschalten Sloterdijks „von Subjekt auf System“ das kritisch-emanzipatorische Potenzial der philosophischen Moderne verraten sah (233, Cai Werntgen). Insgesamt ist der Band anregend zu lesen, die Frage nach dem Stellenwert von Sloterdijks Philosophie bleibt aber offen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Marc Jongen / Sjoerd van Tuinen / Koenraad Hemelsoet (Hrsg.): Die Vermessung des Ungeheuren. München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30408-die-vermessung-des-ungeheuren_36098, veröffentlicht am 08.12.2009.
Buch-Nr.: 36098
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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