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/ 22.06.2013
Frank Lothar Nicht

Die "Stasi" als Erinnerungsort im vereinigten Deutschland 1990-2010

Marburg: Tectum Verlag 2011; 359 S.; pb., 29,90 €; ISBN 978-3-8288-2797-4
Diss. TU Dresden; Begutachtung: H. Voit. – Aus geschichtsdidaktischer Perspektive wirft Nicht seinen Blick auf die „Stasi“ als Erinnerungsort im Schnittfeld von wissenschaftlicher Analyse, juristischer Aufarbeitung und der Entstehung von fragmentierten Milieugedächtnissen. Er nimmt damit in der Flut der „praktisch immer essayistisch und kursorisch“ (14) orientierten Beiträge zu dem auf Pierre Nora zurückgehenden Konzept eine gewisse Sonderrolle ein, zumal er in einem umfangreichen theoretischen Teil ein empirisches Programm auf der Grundlage der „Grounded Theory“ nach Anselm L. Strauss, Barney G. Glaser und Juliet Corbin entwirft. Während die Realgeschichte des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR umfassend erforscht ist, finden sich aus geschichtskultureller Perspektive bis dato nur kleinere Studien, sodass die Arbeit durchaus eine interessante neue Perspektive einführt und erstmals umfassend entfaltet. Auf einer breiten Quellengrundlage – der Auswertung von Schulbüchern, Romanen, publizierten Erinnerungen und Spielfilmen – entwirft Nicht ein umfassendes Panorama der öffentlichen Wahrnehmung der „Stasi“ nach 1989/90, wenngleich gerade im dritten Fall die Beschränkung auf lediglich sieben Titel die Verallgemeinerbarkeit der darauf beruhenden Aussagen einschränkt. Grundlegende Tendenzen lassen sich gleichwohl erkennen: Der Autor zeigt Unterschiede in den von den verschiedenen Medien entworfenen Bildern auf, wenn etwa in Schulbüchern bis heute vor allem die IM-Problematik ausführlich thematisiert wird, während dieses Problem in Romanen und Spielfilmen „gemessen an seiner anderweitigen medialen Präsenz […] auffallend unterbelichtet“ (314) bleibt. Öffentliche Debatten wurden wiederholt durch mediale Ereignisse wie den Film „Das Leben der Anderen“ aus dem Jahr 2006 ausgelöst. Insgesamt konstatiert Nicht einen pluralen Diskurs, der – wie vor allem an der Betrachtung von Schulbüchern deutlich wird – in normativer Hinsicht weiterhin delegitimierend geprägt ist.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.352.314 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Frank Lothar Nicht: Die "Stasi" als Erinnerungsort im vereinigten Deutschland 1990-2010 Marburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35194-die-stasi-als-erinnerungsort-im-vereinigten-deutschland-1990-2010_42375, veröffentlicht am 21.06.2012. Buch-Nr.: 42375 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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