/ 22.06.2013
Olav Teichert
Die Sozialistische Einheitspartei Westberlins. Untersuchung der Steuerung der SEW durch die SED
Kassel: kassel university press 2011; 341 S.; 49,- €; ISBN 978-3-89958-994-8Gesellschaftswiss. Diss. Kassel; Begutachtung: E. Hennig, F. Boll. – Obgleich die Sozialistische Einheitspartei Westberlins SEW (bis 1962 SED-W) in den West-Berliner Kreisorganisationen der SED wurzelte und nie einen Zweifel an der ideologischen Nähe zur Sozialistischen Einheitspartei ließ, betonte sie Zeit ihres Bestehens, eine eigenständige und eben nicht der SED weisungsgebundene Partei zu sein. Für diese von außen betrachtet doch eher zweifelhafte Selbstproklamation konnten aufgrund der deutschen Teilung lange Zeit keine Gegenbeweise erbracht werden. Erst nach der Wiedervereinigung kam durch eine parteiinterne Untersuchungskommission heraus, dass die SEW zentrale Aufgaben und Arbeitsbereiche mit der SED abstimmte. Jedoch wurde – anders als bei der DKP – eine wissenschaftliche Untersuchung über das Ausmaß der Beeinflussung noch nicht angestrengt. Dies ändert Teichert und klärt insbesondere, wie und in welchem Umfang die SEW kontrolliert und gesteuert wurde, in welcher Weise die SED ihren Einfluss auf die SEW sicherte und was sich die SED von der SEW als Interventionsapparat versprach. Hierfür sichtet der Autor vorrangig parteiinternes Archivmaterial und befragt Zeitzeugen. In seiner sprachlich überzeugenden Analyse kann Teichert deutlich machen, dass – obgleich die rund 6.000 Mitglieder zählende SEW keine nennenswerten Wahlerfolge verzeichnen konnte – sie ein anerkannter Bündnispartner der APO war und eine nicht unerhebliche Rolle in der Friedensbewegung der 1980er-Jahre spielte. So berichtete beispielsweise die SEW an die SED über den ohne Abschlussdokument endenden Europäischen Friedenskongress 1983: „‚Dank des umsichtigen Verhaltens gelang es der SEW gemeinsam mit dem progressiven Kern der Bündnispartner alle Spalteraktionen abzuwehren, dem Missbrauch der Friedensbewegung erfolgreich entgegenzuwirken und ihre Hauptstoßrichtung gegen die USA-Raketenstationierung zu erhalten’“ (305). Insgesamt gelingt es Teichert nachzuweisen, dass die SED einen immensen Aufwand betrieb, um Einfluss auf die SEW auszuüben: angefangen bei eher „harmlosen“ Manuskriptvorlagen, Gastvorträgen, Studienfahrten oder Schulungen bis hin zur Parteienfinanzierung, zur Kaderauswahl und zum zentralistischen Aufbau. Daher schlussfolgert er: „Die SED-W/SEW war eine Kaderpartei, ein Interventionsapparat der SED und nicht zuletzt eine Werbemaschinerie für den Weltkommunismus im Allgemeinen und die DDR im Besonderen“ (309).
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.313 | 2.314 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Olav Teichert: Die Sozialistische Einheitspartei Westberlins. Kassel: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34724-die-sozialistische-einheitspartei-westberlins_41737, veröffentlicht am 05.04.2012.
Buch-Nr.: 41737
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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