/ 18.06.2013
Ben Möbius
Die liberale Nation. Deutschland zwischen nationaler Identität und multikultureller Gesellschaft
Opladen: Leske + Budrich 2003; 746 S.; kart., 49,90 €; ISBN 3-8100-3611-0Politikwiss. Diss. Hamburg; Gutachter: U. Bermbach. - In Hochzeiten des Konstruktivismus und der Diskursanalyse könnte die Frage "Ist Deutschland eine Nation?" (Teil II) verächtliches Mitleid auslösen und in Zeiten des intellektuellen Postnationalismus die Frage "Soll Deutschland eine Nation sein?" (Teil III) mitleidige Verachtung hervorrufen. Doch wer sich mit dem Thema Nationalismus beschäftigt, tut gut daran, sich vor jeder weiteren Gemütsäußerung diesen umfangreichen, streckenweise flott geschriebenen und klar Position beziehenden Text vorzunehmen. Das Ziel liegt in der Verknüpfung historisch-theoretischer und quantitativ-empirischer Nationforschung mit einer abschließenden normativen Beurteilung dieses Gemeinschaftsmodells im Vergleich mit dem Multikulturalismus. Möbius setzt mit begrifflichen Überlegungen ein und verwirft dann an historischen Beispielen die Dichotomie von westlichem und östlichem Nationalismus. Daraufhin beansprucht der Autor eine Theorie nationaler Identität zu entwickeln, die die Nation als "säkulare Eschatologie" im Modernisierungsprozess versteht. Sodann wird ein Katalog verschiedener Identitätskategorien entworfen, die mit motivationalen, normativen und kognitiven Ebenen kombiniert werden. Im zweiten Teil untersucht Möbius die deutsch-deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg mithilfe eines Teil I entsprechenden Fragenkatalogs. Demzufolge war und ist eine gesamtdeutsche Identität im Sinne einer Willensnation auf kulturell-sprachlicher Basis gegeben. Im dritten Teil argumentiert er für eine liberale Nation, deren integrales Potenzial unter strenge Beobachtung gestellt wird. Die Leistung dieser Dissertation ist unzweifelhaft außergewöhnlich, was kritische Nachfragen nicht ausschließt: Diese mögen einzelne Aspekte aufgreifen (Wieso sollte Stereotypbildung einen Identitätsfokus ausmachen?) oder grundsätzlicher sein: Der Patriotismus fällt von Anfang an durch seine fehlende nationale Dimension aus dem Rahmen, was zu Problemen führt, wenn er in diesen Rahmen als ein Idealtyp von Nationalismus gedrängt wird. Dem Buch ist zu wünschen, dass solche Überlegungen nur den Beginn fruchtbarer Diskussionen markieren.
Guido Koch (GK)
Dr., Politikwissenschaftler, Qualitätsmanagment, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
Rubrizierung: 2.35 | 2.31 | 2.23 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Guido Koch, Rezension zu: Ben Möbius: Die liberale Nation. Opladen: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17504-die-liberale-nation_20154, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20154
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Dr., Politikwissenschaftler, Qualitätsmanagment, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
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