/ 19.06.2013
Christian Schwaabe
Die deutsche Modernitätskrise. Politische Kultur und Mentalität von der Reichsgründung bis zur Wiedervereinigung
München: Wilhelm Fink Verlag 2005; 572 S.; Ln., 88,- €; ISBN 3-7705-4119-7„Es besteht für uns kein Zweifel, dass wir nach unserer Herkunft und nach unserer Gesinnung zur westeuropäischen Welt gehören“, zitiert Schwaabe aus der ersten Regierungserklärung Adenauers 1949 – eine zukunftsweisende Devise, zum damaligen Zeitpunkt aber „ein wenig geschönt“ (415). Vielmehr habe die Ablehnung des westlichen Liberalismus lange zu den wenigen Konstanten der politischen Kultur in Deutschland gezählt. Auf der „Negativfolie“ (11) des Liberalismus, der untrennbar zur Moderne gehöre und die politische Antwort auf die pluralistische Gesellschaft sei, erklärt Schwaabe den mentalen Untergrund, auf dem Ideen, Ideologien und Ordnungsvorstellungen wurzelten. Angesichts der diagnostizierten Modernitätskrise und des mit ihr einhergehenden Scheiterns der Weimarer Republik fragt er, warum das Prinzip der liberalen Demokratie in Deutschland lange Zeit so wenig Freunde fand. Die Analyse basiert auf einer umfassenden und überzeugenden Synthese bisheriger Erklärungen, aus denen Schwaabe die mentalitätsgeschichtliche Quintessenz zieht. Es beginnt mit einer „missglückten Gewöhnung an eine leidlich liberale Moderne“ (188) im Kaiserreich und der politischen Radikalisierung des Unbehagens; der „Aufmarsch des deutschen Nationalismus“ (262) habe auf die Vernichtung aller politischen Formen des Liberalismus gezielt. In der Weimarer Republik sei Zuflucht in der „Heimat“ oder der „Gemeinschaft“ gesucht worden, während gleichzeitig immer weniger gemeinschaftlich gehandelt worden sei. Diese Republik sei an einem fehlenden Konsens zugrunde gegangen, die Demokratie, assoziiert mit wirtschaftlichen Krisen, den kleinbürgerlichen Ängsten zum Opfer gefallen. Das Dritte Reich habe diese Ängste aufgefangen und als „Konsensdiktatur“ (358) die Deutschen mental vereinnahmt. Seit 1945 sei zwar ein tief greifender Wandel der politischen Kultur festzustellen, so Schwaabe. Dennoch bleibe die Frage nach den Sicherheit spendenden Bindungen des Einzelnen an die Moderne und damit an die liberale Demokratie.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.31 | 2.35 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christian Schwaabe: Die deutsche Modernitätskrise. München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21482-die-deutsche-modernitaetskrise_28193, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28193
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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