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/ 11.06.2013
Frank Böckelmann

Deutsche Einfalt. Betrachtungen über ein unbekanntes Land

München/Wien: Carl Hanser Verlag 1999 (Edition Akzente); 261 S.; brosch., 39,80 DM; ISBN 3-446-19757-5
Zu den vielen Verunsicherungen, die die deutsche Einigung nach sich gezogen hat, gehört gewiß auch die Frage, ob denn die deutsche Geschichte jetzt in einem anderen Licht erscheinen müsse. Böckelmann, der sich in den 70er Jahren intensiv mit Motiven und Theorien linker Gesellschaftskritik auseinandergesetzt hat, greift in diesen neueren Abhandlungen die deutsche "Identitätsfrage" auf. Freilich nicht mit der Intention, sich nationaler Eigenheiten zu vergewissern, er ist vielmehr - im Sinne einer "historischen Phänomenologie" (235) - daran interessiert, jenes Muster freizulegen, das seiner Auffassung nach den defizienten Umgang mit deutscher Geschichte ausmacht: Weil "Deutschland [...] auf der Suche nach Grenzen seit jeher mit Entgrenzung gespielt hat" (257), konnte Selbstverneinung immer wieder in Expansion übergehen (110 ff.). Diese These hat - bezogen auf den Nationalsozialismus und dessen Vorgeschichte - ihre eigene Triftigkeit; allerdings wendet Böckelmann sie in der jüngsten Abhandlung (1999) ebenso auf Themen an, die im Kontext der Politischen Kultur gemeinhin als Indikatoren einer "Westbindung" der (alten) Bundesrepublik gelten. Universalistische Einstellungen, die sich in Konzepten wie "Verfassungspatriotismus" oder "Multikulturalismus" artikulieren, demonstrieren für ihn eher "eine eklatant deutsche Konfusion" (229). In ihnen zeige sich - nur in einer progressiven Variante - jenes historische Unvermögen, das, weil es "die deutsche Geschichte auf die Nazi- und Nachkriegsjahre schrumpfen" läßt (250), "direkt ins Unbegrenzte (Weltgemeinschaft, World Wide Web)" treten möchte (252). Wer - wie Böckelmann - ebenso glänzend wie riskant formuliert, muß sich die Mißverständnisse, die er provoziert, auch zurechnen lassen. Die Deutschen sind "ohne eigenes Gedächtnis nach Europa und in die Weltgemeinschaft gelangt. Aber die Absage an Deutschland wird als Beitrag zu einem vereinten Europa nicht genügen." (252) - Dann möchte man doch gerne wissen, welcher Art ein Beitrag wäre, der genügen würde. Vier der sechs Essays wurden zwischen 1984 und 1991 schon einmal publiziert; die Texte 4 und 6 sind Originalbeiträge. Inhalt: 1. Die Herkunft der Urahnen: Geschichte und Vorgeschichte; Neue Welt Europa; Europäisch sprechen; Und wieder: woher? 2. Das Andere des Waldes im Mittelalter: Wie der Wald unheimlich und heimlich wurde; Die Heimlichkeit des Abwesenden; Unbekannt. 3. Deutsche Einfalt: Namloses Vaterland; Einfalt und Esprit; Blödig­keit; Deutsche Sprache und Politik. 4. Judenvernichtung: Das Scheitern der antisemitischen Praxis; Auf der Suche nach dem Judentum; Juden im Blut; Der höchste Einsatz; Den Rächern ausgeliefert. 5. Hunger nach Begrenzung I: Die letzten Jahre der Bundesrepublik (1984): Das Überleben des Überlebens; Die Politik im Raum der Plausibilität; Flick. 6. Hunger nach Begrenzung II: Deutschland am Ende des Jahrhunderts (1999): Nach der Landung; Selbstverneinung und Expan­sion; Die gewöhnliche Deutschenschelte; Auschwitz als Ende und Alibi; Fazit im Hinblick auf das neue Jahrhundert.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.312.35 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Frank Böckelmann: Deutsche Einfalt. München/Wien: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10179-deutsche-einfalt_12040, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12040 Rezension drucken
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