/ 05.06.2013
Christian Marazzi
Der Stammplatz der Socken. Die linguistische Wende der Ökonomie und ihre Auswirkungen in der Politik
Zürich: Seismo 1998; 140 S.; 35,- DM; ISBN 3-908239-60-5Ausgangspunkt ist die These, daß mit dem Wandel von der fordischen zur postfordischen Produktionsform ein weiterer, gesellschaftlich weitaus bedeutsamer Wandel vonstatten geht: Waren früher die Bereiche der Produktion und der Kommunikation weitgehend getrennt, so sei die Verschmelzung dieser beiden Ebenen eines der entscheidenden Kennzeichen der heutigen Lage von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Mit dieser Veränderung in der "Natur der Arbeit" (9) ergeben sich nach Marazzi weitreichende Konsequenzen für die Politik. Dem diskursiven Charakter der Demokratie, den Marazzi in den Kategorien von Habermas beschreibt, stünden in diesem Zusammenhang weitreichende Umwälzungen bevor. Eine dieser Umwälzungen versucht Marazzi am Beispiel des Status von Hausarbeit zu illustrieren, was ihn zum Titel seines Buches bringt. Der rätselhafte "Stammplatz der Socken" ist für ihn Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustandes, der sich folgendermaßen darstellt: "Der Mann ist der Ansicht, daß sie [die Socken] immer am gerade richtigen Ort sind, während sich dies für die Frau keineswegs so verhält; weshalb sie die Socken auch stets an den ihres Erachtens angestammten Platz versorgt. Die verbale Stufe hinter sich lassend schafft die Frau, durch die Geste, die Socken an 'ihren Stammplatz' zu legen, eine neue Gewohnheit, welche die initialen Positionen der beiden Partner verschiebt, wodurch der Geschlechtskontrast reproduziert und verschärft wird." (63) Diese in ihrer Diktion für das Buch durchaus typische Textstelle wird dann noch eine Vermutung hinzugefügt, nach der der Mann sich vor der Kleidung fürchte, und weiter: "[V]ielleicht fürchtet er auch den Geschlechtsverkehr, der sich wiederum in der Kleidung widerspiegelt, dem Symbol der geschlechtsorientierten Rollentrennung zwischen Mann und Frau." (63) In diesem Sinne wird der Leser hin- und hergeworfen zwischen Kapitalismus-Kritik und Kommunikationsanalyse, Gender Study und volkswirtschaftlicher Theorie, deren Mischung in eher verwirrende Beispiele gegossen wird. Die Schlußfolgerungen aus dieser Analyse spitzen sich in der Perspektive eines "extraterritorialen Staates" (125) zu, dessen Konturen aber höchst nebulös bleiben und in das Plädoyer münden, "aus dem 'Stammplatz der Socken' den Stammplatz für Freundschaft und Liebe zu machen" (128).
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.2 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Christian Marazzi: Der Stammplatz der Socken. Zürich: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7111-der-stammplatz-der-socken_9505, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9505
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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