/ 03.06.2013
Jerzy Holzer
Der Kommunismus in Europa. Politische Bewegung und Herrschaftssystem. Aus dem Polnischen von Wolfgang Jöhling und Hans Henning Hahn
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1998 (Europäische Geschichte); 254 S.; 19,90 DM; ISBN 3-596-60161-4Der polnische Historiker Holzer, 1930 geboren, gilt als einer der besten Kenner kommunistischer Parteien und Herrschaftssysteme. In den siebziger Jahren gehörte er zu den intellektuellen Köpfen der demokratischen Bewegung in Polen. Mit diesem Buch ist es dem Autor gelungen, die Geschichte der sozialistischen bzw. kommunistischen Systeme und Bewegungen in Europa in kompetenter, knapper und spannender Form auf 254 Seiten darzustellen.
Die kommunistische Bewegung durchlief laut Holzer mehrere Phasen. In ihrer ersten und dynamischsten stellte sie gleichsam einen moralischen und ideologischen Protest gegen die Verbrechen und das Unrecht des Zeitgeschehens dar und verkörperte zugleich den uralten Menschheitstraum von einer auf den Prinzipien der Gerechtigkeit und Vernunft basierenden Ordnung. Mitte der 50er Jahre wurde die moralische und ideologische Legitimation des Kommunismus von innen heraus in Frage gestellt, als Verbrechen aufgedeckt wurden, die in seinem Namen gerade dort begangen worden waren, wo er mit der Verwirklichung der von ihm versprochenen Ordnung hatte beginnen können. Dennoch, so Holzer, verlor die kommunistische Bewegung damals noch nicht völlig ihre Dynamik, konnte sie sich doch auf ihre Verdienste im Kampf gegen die faschistische Bedrohung berufen, wie auch auf ihre Fähigkeit zur "Selbstreinigung". Der Übergang zur dritten Phase, zur Stagnation und zum Zerfall, vollzog sich schrittweise zwischen den 60er und 80er Jahren. Diese Entwicklung verlief, so Holzer, in den einzelnen Ländern mit höchst unterschiedlicher Geschwindigkeit - wenn sie auch überall in die gleiche Richtung deutete.
Als Herrschaftssystem durchlief der europäische Kommunismus ebenfalls mehrere Phasen. Anfangs war er auf die Sowjetunion beschränkt und entwickelte sich dort zu der gefestigten Gestalt, die er in der zweiten Hälfte der 30er Jahre erreichte. Nach 1945 wurde dieser Prozeß in einem Schnelldurchlauf in den volksdemokratischen Ländern unter strikter äußerer Kontrolle nachgeholt. Die in dieser Phase erreichte endgültige Form des kommunistischen Herrschaftssystems beruhte letztlich auf institutionellen Lösungen, die den Herrschenden die uneingeschränkte Machtausübung und die präventive Absicherung der Ordnung durch ständigen Massenterror garantierte. Mitte der 50er Jahre setzte dann nach Holzer eine Phase ein, in der die Anwendung des Terrors eingeschränkt und die Rotation der Kader auf ein Minimum reduziert wurde. Diese Veränderungen waren die Folge einer weitgehenden Stabilisierung des Herrschaftssystems und eines gleichwertigen Verzichts auf präventive Repression. Reales Ergebnis dieses Wandels war jedoch auch eine wachsende Bürokratie und damit ein Verlust an Dynamik. Die Intensivierung der Kontakte mit den marktwirtschaftlichen Ländern seit den 70er Jahren führte zudem zu einer zunehmenden Demoralisierung nicht nur der Kader.
Ist der Kommunismus als Herrschaftssystem auch weitgehend gescheitert, so bleibt nach Holzer vom Kommunismus als Bewegung doch der Traum von einer gerechten und vernünftigen Welt, der bewußt oder unbewußt zum Allgemeingut geworden ist. Eine Fortsetzung sei dennoch nicht zu erwarten, denn "eine Niederlage verzeihen die Nachgeborenen nie" (234).
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 2.23 | 5.43
Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Jerzy Holzer: Der Kommunismus in Europa. Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1945-der-kommunismus-in-europa_2324, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 2324
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Dr., Historikerin.
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