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/ 14.08.2014
Barbara Fried

Antiamerikanismus und kulturalisierende Praxis. Von 'Europäischer Identität' und 'Amerikanischen Verhältnissen'

Münster: Westfälisches Dampfboot 2014; 275 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89691-958-8
Diss. Hannover; Begutachtung: D. Claussen, C. Lemke. – Barbara Fried analysiert die Anwendung einer antiamerikanischen Perspektive auf aktuelle Debatten in deutschen Medien auch zu Themen, die keinen Bezug zu den USA haben. Als Fallbeispiele wählt sie die Berichterstattung über die europäische Integration und die Reform des deutschen Sozialstaates durch die Agenda 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Rundschau, tageszeitung, in der Wochenzeitung Die Zeit und dem Magazin Der Spiegel im Zeitraum von 2002 bis 2004. Zunächst reflektiert Fried den Forschungsstand zu Theorien des Antiamerikanismus, um anschließend zu fragen, wie ein zeitgemäßer Ideologiebegriff aussehen und inwieweit Antiamerikanismus als Ideologie gelten kann. Das vierte Kapitel ist der verwendeten Methode der Medienanalyse (eine Kombination aus Diskurs‑ und Inhaltsanalyse) sowie das fünfte und sechste Kapitel den beiden Fallstudien gewidmet. Fried attestiert der Forschung ein Defizit in Bezug auf Theorien des Antiamerikanismus, insbesondere differenziere diese nicht zwischen Kritik an der aktuellen US‑amerikanischen Politik und einer pauschalen Ablehnung der USA. Hinsichtlich der Debatte zur europäischen Identität identifiziert Fried mehrheitlich eine Abgrenzung Europas von Amerika aufgrund von Fortschrittlichkeit (Überwindung nationalstaatlicher Grenzen), Geschichte, Tradition und Kultur. In der Diskussion über die Sozialstaatsreformen ist das Bild hingegen ausgewogener: 65 Prozent der ausgewerteten Artikel erwähnen die USA in sachlichem Tonfall und als Vergleichsbeispiel, während die restlichen 35 Prozent die USA aus Gründen der Abgrenzung, Abwertung und Kulturalisierung hinzuziehen. Dabei dominieren Bilder einer weit auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich sowie die Hinweise auf den Niedriglohnsektor und ein unzureichendes Krankenversicherungssystem. Fried kommt zum Schluss, dass der über Jahrhunderte hinweg entwickelte Antiamerikanismus flexibel genug ist, um immer wieder neue und ansprechende Formen zu finden. Besonders herrsche die Angst vor, Entwicklungen aus den USA würden auf den Rest der Welt übergreifen (Stichwort „Amerikanisierung“). Insgesamt handelt es sich um die überzeugende Analyse eines über lange Zeiträume aktuellen Phänomens in der deutschen öffentlichen Meinung. Hingegen löst der Band den Anspruch der Autorin nicht ein, mit Hilfe der Kritischen Theorie und Slavoj Žižeks postmoderner Ideologiekritik einen zeitgemäßen Ideologiebegriff zu entwickeln.
Maria Grazia Martino (MAR)
Dr., Politikwissenschaftlerin, FU Berlin.
Rubrizierung: 2.352.3332.35.422.342 Empfohlene Zitierweise: Maria Grazia Martino, Rezension zu: Barbara Fried: Antiamerikanismus und kulturalisierende Praxis. Münster: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37417-antiamerikanismus-und-kulturalisierende-praxis_45939, veröffentlicht am 14.08.2014. Buch-Nr.: 45939 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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