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Rezension / 14.12.2023

Siegfried Frech: Terrorismus. Im Fadenkreuz politischer Gewalt

Stuttgart, W. Kohlhammer GmbH 2023

Siegfried Frech bietet einen prägnanten Überblick zum Phänomen Terrorismus anhand bestimmter Ereignisse wie den Attacken von München, New York und Utøya. Dabei werden Medienaspekte, die Typisierung von Terrorgruppen und Ursachen auf verschiedenen Ebenen exemplarisch vorgestellt. Das Buch berichtet auch, dass der Linksterrorismus in Deutschland bis in die 1960er-Jahre dominiert habe, gefolgt vom aufkommenden rechten Terrorismus ab den 1970er-Jahren. Unser Rezensent kommt zum Fazit, dass das schmale Buch einen guten, wenn auch oberflächlichen Überblick über das komplexe Thema bietet.

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Siegrid Frech unternimmt in dem kleinen Buch (lediglich 142 inhaltliche Seiten) den Versuch, einen knappen Überblick über das komplexe Feld des Terrorismus zu geben. Nach einer kurzen Einleitung arbeitet er an drei Beispielen terroristischer Anschläge (München, New York und Utøya) wesentliche Elemente des Terrorismus heraus und versucht diese im folgenden Kapitel nach Merkmalen, Varianten und Hintergründen darzustellen. Alleine das ist eine Mammutaufgabe. Der Autor stellt selbst fest, dass Terrorismus ein Themenfeld ist, zu dem eine unüberschaubare Menge an Literatur vorliegt. „Eine Zählung aus dem Jahr 2008 ergab, dass seit dem 11. September 2001 allein in englischer Sprache alle sechs Stunden ein Buch zum Thema erschien“ (35). Dies korreliert mit dem wichtigsten Element des Terrorismus, das Ferch auch (9) kennzeichnet: die Generierung medialer Aufmerksamkeit. In diesem Sinne nutzt er für die Medien auch den Begriff „Brandbeschleuniger“ und untersucht deren Bedeutung bei Terrorakten sowie in der Radikalisierung der Täter*innen (83 ff.).

In einer vergleichenden Studie wissenschaftlicher Definitionen zum Terrorismus (37) sei indes das häufigste Merkmal die Anwendung von Gewalt, gefolgt von politischer Motivation und der Verbreitung von Angst und Schrecken, während die Öffentlichkeitswirksamkeit lediglich im Mittelfeld rangiere.

In seiner eigenen Zusammenfassung stellt der Autor denn auch auf die Aspekte der sorgfältigen Planung, der Generierung von Aufmerksamkeit, der Kommunikationsstrategie, der Asymmetrie sowie der Provokation ab, bevor er ein Typologisieren terroristischer Bewegungen vornimmt (40 ff.). So können Terrorgruppen sozialrevolutionär (eher linksgerichtet), rechtsextrem, ethnisch-nationalistisch, religiös oder vigilantisch motiviert sein. Hier stellt sich natürlich die Frage nach der tatsächlichen Abgrenzbarkeit. So stellt er fest, dem sozialrevolutionären Terrorismus gehe es unter anderem darum, den Kampf aus der Dritten (sic) in die Erste (sic) Welt zu tragen (42). Eben diese Dichotomie zwischen dem nahen und dem fernen Feind charakterisiere aber auch religiös motivierte dschihadistische Gruppen. Eine Sonderform stelle der Staatsterrorismus dar, da er das normale Asymmetriegefüge - Terrorismus als Strategie der Schwäche - umdrehe.

Danach subsumiert Ferch die Ursachen von Terrorismus unter drei Betrachtungsebenen (73 ff.): Strukturelle bzw. systemische Ursachen (Makroebene), gruppenspezifische bzw. kollektive Ursachen (Mesoebene) sowie die individuellen Ursachen (Mikroebene).
Im Kapitel über Terrorismus in Deutschland stellt er fest, dass hierzulande bis in die 1960er-Jahre der Linksterrorismus stärker vertreten war und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit bis heute stärker prägt. Ab den 1960er-Jahren entstanden dann Neurechte Parteien und Bewegungen, in deren Umfeld sich auch Wehrsportgruppen und andere rechte Gruppen bildeten, die terroristische Strategien verfolgten und sich in den 1970er-Jahren radikalisierten.
Zusammenfassend stellt er fest, dass der linke Terrorismus insgesamt über ein stringenteres Weltbild und stärker geschlossene Strukturen verfüge, während der rechte Terrorismus insgesamt „stiller“ (126) sei und daher auch weniger wahrgenommen werde. Im letzten Kapitel, an das sich ein Glossar anschließt, geht er noch auf europäische Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung ein, die man grob in weiche (Resozialisation und Aufklärung) und harte (mehr Recht für Sicherheitsbehörden) Maßnahmen unterteilen kann.

Insgesamt legt Siegfried Ferch einen guten einführenden Überblick über das sehr komplexe Themenfeld vor. Diesem Überblickscharakter ist auch geschuldet, dass viele Facetten lediglich angeschnitten oder gar nicht betrachtet werden. Hier sind vor allem die Schnittstellen und sich teilweise überschneidenden Traditionslinien zwischen rechtem, linkem, religiösem, nationalistischem und vigilantischem Terrorismus zu nennen. Hinsichtlich der Klassifizierung des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) als Terrorgruppe folgt der Autor der breiten Medienberichterstattung, obwohl er damit seinen Beispielen und seiner eigenen Definition widerspricht. Trotz des Vorliegens eines Bekennervideos (das allerdings wohl erst nach dem Tod der Täter an die Öffentlichkeit gelangen sollte) fehlte dem NSU die kommunikative Komponente. Damit wären die Haupttäter*innen des NSU eher als rassistisch motivierte Serienmörder*innen denn als Terrorist*innen zu kennzeichnen.

CC-BY-NC-SA
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