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/ 03.06.2013
Monika Frommel / Volkmar Gessner (Hrsg.)

Normenerosion

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 1996 (Schriften der Vereinigung für Rechtssoziologie 22); 225 S.; brosch., 62,- DM; ISBN 3-7890-4096-7
Der Band besteht aus den Beiträgen einer Tagung der Vereinigung für Rechtssoziologie im Oktober 1994, die dem Thema "Normenerosion" gewidmet war. Verbindet man prima facie mit dem Ausdruck "Normenerosion" zunächst kulturkritische oder kulturpessimistische Vorstellungen, so zeigen die Aufsätze nicht nur, daß eine solch normative Sichtweise zu kurz greift und ungeeignet ist, die Vielzahl der Phänomene überhaupt in den Blick zu bekommen, die mit der Erosion moralischer, sozialer und vor allem rechtlicher Normen verbunden sind. Vielmehr wird unter Zuhilfenahme soziologischer Analysekategorien geklärt, was unter Normenerosion wissenschaftlich rechenschaftsfähig überhaupt verstanden werden kann und wie sie - von einem sozialwissenschaftlich reflektierten Verständnis aus betrachtet - zu bewerten ist. Dabei gelangen die Autoren zwar im einzelnen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Gleichwohl läßt sich eine gewisse Konvergenz der theoretischen Resultate feststellen: (1) Nicht alles, was auf den ersten Blick als Normenerosion erscheint, stellt tatsächlich eine solche dar. (2) In hochkomplexen Gesellschaften werden offenbar normative Erwartungsstile zunehmend durch kognitive Erwartungsstrukturen ergänzt oder ersetzt. Aus dieser Perspektive stellen sich normative Erosionsprozesse nicht mehr einfach als desintegrative Verfallsphänomene dar, sondern erscheinen als für den sozialen und politischen Wandel funktional. So resümiert etwa Morlok, daß "die Erosion einer Norm [...] allemal ein Lernanstoß für das Recht" sei und "eine notwendige Ergänzung der Tätigkeit von Gerichten, Anwälten, Rechtswissenschaftlern und auch der Aktivität des Gesetzgebers" (133) darstelle. Die Beiträge des Bandes informieren anhand einer noch viel zu wenig erforschten Thematik sehr viel besser über Charakter und Zustand der modernen Gesellschaft als so manche Großtheorie der Moderne, weil anhand anschaulicher und oft aus rechtsdogmatischen Problemen entwickelter Beispiele über konkrete Entwicklungen nachgedacht wird, anstatt sich in soziologischen Zauberformeln zu verlieren. Das Buch bietet daher eine höchst anregende Lektüre für jeden, der über die Dynamik moderner Gesellschaften nachdenkt und sich dabei nicht mit einfachen Erklärungsmustern oder kulturkritischer Larmoyanz zufrieden geben will. Das Lesevergnügen wird lediglich durch eine ungewöhnliche Anzahl von Druckfehlern und ausgelassenen Wörtern beeinträchtigt. Demgegenüber erscheint die Tatsache, daß die Fußnoten in einer anderen Schrifttype als der Haupttext gesetzt sind, als zu vernachlässigende ästhetische Marginalie. Inhalt: I. Normenerosion als Spannungsverhältnis zwischen Rechtsnormen und Sozialnormen: Gertrud Nunner-Winkler: Normenerosion (15-32); Joachim J. Savelsberg: Normenerosion? Rechtsnormen und Sozialnormen zwischen Moderne und Postmoderne (33-55); Doris Lucke: Normenerosion als Akzeptanzproblem. Der Abschied vom "homo legalis"? (57-74). II. Normenerosion in einzelnen Lebensbereichen: Kai-D. Bussmann: Normenerosion, ein rechtssoziologischer Begriff? Eine Theorie der Beobachtung von Normenerosion (77-98); Armin Höland: Normalitätswandel statt Normenerosion: Atypische Erwerbsformen aus rechtssoziologischer Sicht (99-114); Martin Morlok: Begriff und Phänomen der Normenerosion im Bereich des öffentlichen Rechts (115-133); Helmut Goerlich: Normenerosion und administrative Vollzugsdefizite in den neuen Bundesländern (135-144). III. Normenerosion und gesellschaftliche Entwicklung: Richard Münch: Zwischen Normenerosion und Normenwandel: Rechtsentwicklung als dynamischer Prozeß (147-162); Wolfgang Ludwig-Mayerhofer: Entformalisierung ohne Materialisierung. Entwicklungstendenzen des Rechts nach dem Wohlfahrtsstaat, am Beispiel des Strafrechts erläutert (163-177); Susanne Karstedt: Macht und Moral: Zur Rolle gesellschaftlicher Eliten in Prozessen der Normenerosion (179-206); Volkmar Gessner: Kognitive Elemente sozialer Ordnung (207-224).
Michael Henkel (MH)
Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.232.21 Empfohlene Zitierweise: Michael Henkel, Rezension zu: Monika Frommel / Volkmar Gessner (Hrsg.): Normenerosion Baden-Baden: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1637-normenerosion_1868, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 1868 Rezension drucken
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