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Rezension / 24.11.2023

Karl Schlögel: American Matrix. Besichtigung einer Epoche

München, Carl Hanser Verlag 2023

Karl Schlögel reiht sich mit seinem Buch „American Matrix“ ein in die große Tradition intellektueller europäischer Reiseberichterstatter über die USA: Als Osteuropahistoriker zieht er dabei nicht nur erkenntnisreiche Vergleiche zu seinem eigenen Forschungsgebiet, sondern versucht, die USA als „Raum“ zu erfassen. Dies gelingt ihm laut unserem Rezensenten Michael Kolkmann auf besondere Weise: Mit seinen Streifzügen von Baseballstadien über Einkaufszentren und Highways bis hin zu den Schlachthöfen Chicagos lädt das Buch dazu ein, „nach Herzenslust zu blättern und zu stöbern“.

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Einer breiteren Öffentlichkeit ist Karl Schlögel als Osteuropa-Historiker bekannt. Gerade seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine war und ist er in zahlreichen Fernsehauftritten und Zeitungsinterviews zu sehen und zu lesen. Als Professor an der Universität Konstanz sowie an der Viadrina in Frankfurt (Oder) hat er zu Themen Osteuropas zudem umfangreich publiziert, zuletzt erschien etwa der Band „Entscheidung in Kiew“.

„Was muss passiert sein, dass jemand wie ich, der sich ein Leben lang mit Russland beschäftigt hat, auf die Idee verfällt, ein Buch über Amerika zu schreiben?“ (11) fragt Schlögel gleich im ersten Satz des Buches. Und er fährt fort: „Wer sein Leben lang in der sowjetischen und der amerikanischen Hemisphäre unterwegs war, der blickt anders auf die eine wie die andere Welt“ (ebd.). Schlögel verbindet eine intensive Beziehung zu den Vereinigten Staaten, und das seit dem Jahre 1970, als er als junger Student das Land erstmals bereist hat. „Wie das bei ersten Eindrücken oft der Fall ist“ (ebd.), sind die Erfahrungen und Erlebnisse der ersten Reise diejenigen, die am stärksten nachhallen. Seit dieser ersten Amerika-Erfahrung ist er immer wieder gekommen, aus persönlichem wie aus dienstlichem Interesse heraus.

Das vorliegende Buch „American Matrix“ ist die Quintessenz von Schlögels Beschäftigung mit den Vereinigten Staaten. Natürlich geht es in diesem Buch auch um geschichtliche und politische Aspekte, doch seinen eigentlichen Fokus legt der Autor auf die Vermessung des „amerikanischen Raumes“: „Wenn es einen übergreifenden Begriff gibt für das, was mich nie losgelassen hat, dann war es: die Produktion des amerikanischen Raumes, die aus dem nordamerikanischen Kontinent in so kurzer Zeit das Zentrum einer Zivilisation hat werden lassen, die im 20. Jahrhundert weltweit ausstrahlte und große Teile der Welt bis heute prägt“ (12). Man könne, so Schlögel weiter, „die Geschichte Amerikas im 20. Jahrhundert entlang der Geschichte der Verfassung, der Institutionen, der Kultur und vieler anderer Themen schreiben, enzyklopädisch in chronologisch geordneter Form, aber man kann sie auch als Ortsbeschreibung versuchen, als Topographie des Wandels, ob ausgelöst durch technologischen Fortschritt, demographische Veränderungen, Naturkatastrophen oder andere Prozesse. So entsteht ein Amerikabild nicht primär aus der Vertikale der zeitlichen Abfolge von Epochen, sondern aus der Horizontale des Raumes“ (13).

Mit dem US-amerikanischen Raum nach Schlögel‘scher Manier geraten ganz bestimmte Aspekte des amerikanischen Lebens in den Fokus: „Infrastrukturen und Netzwerke, Knotenpunkte und Verkehrskorridore sagen etwas über Beschleunigung und Verlangsamung, über Integration oder Desintegration, über soziale Stabilität und Mobilität, über gesellschaftliche Basiskräfte, die auch die Institutionen tragen“ (14). Natürlich sind die Orte, die der Autor in seinem Buch beschreibt, auch die „Pflichtstationen jeder Amerika-Reise, die in jedem Reiseführer verzeichneten Naturwunder“ (12).

Das Buch beginnt – wie kann es anders sein – mit der legendären Bereisung der US-amerikanischen Staaten durch Alexis de Tocqueville und Gustave de Beaumont im Jahre 1831. Mit ihrem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ haben die beiden quasi das erste Werk der vergleichenden Politikwissenschaft vorgelegt. Wer auch immer an Amerika, ja: am Wesen der modernen Demokratie, interessiert sei, komme laut Schlögel an Tocqueville nicht vorbei: „an der These von der Unaufhaltsamkeit der Durchsetzung des Gleichheitsgedankens, dem Ende der auf Standesprivilegien beruhenden alten Ordnung und dem Beginn einer ins Universale zielenden Demokratie, aber auch – und dies im Lichte der totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – an der Warnung vor einer Gefährdung ebendieser neuen Ordnung, wenn eine durch Gleichheit beförderte politische Ordnung umschlägt in eine ‚Tyrannis der Mehrheit‘, der Minderheiten schutzlos ausgeliefert sind“ (20). Zentral in dieser Hinsicht ist für Schlögel das amerikanische System der „checks and balances“, das sich bis zum heutigen Tage im Großen und Ganzen bewährt habe. Ursprünglich hatte sich Tocqueville gemeinsam mit seinem Kompagnon de Beaumont aufgemacht, um das amerikanische Gefängniswesen zu studieren. Basierend auf Reisebeobachtungen, Aufzeichnungen, Briefe, Tagebücher, Gesprächsprotokolle und Zeichnungen ist ein Kompendium amerikanischer Lebensweise entstanden. Auch die (späteren) Reisen Friedrich Ratzels und Max Webers durch die Vereinigten Staaten zeichnet Schlögel nach.

Seinen Hintergrund als Osteuropa-Historiker kann Schlögl an manchen Stellen nicht verbergen, etwa wenn er dezidiert Parallelen seiner Beobachtungen in den Vereinigten Staaten zu ähnlichen Ereignissen und Entwicklungen in der Sowjetunion zieht. Für die Leserinnen und Leser eröffnen sich hier ungeahnte, aber spannende neue Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand des Buches. Die Reise von Astolphe de Custine zum Beispiel, der fast zeitgleich zu Tocquevilles Amerika-Reise das vierbändige Werk „La Russie en 1839“ veröffentlichte (vgl. 43 ff.), zählt dazu. Auch Ratzel verknüpfte Amerika und Russland mehr als einmal in analytischer Hinsicht. In den 1930-Jahren unternahmen die beiden russischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow eine dreimonatige Reise durch die USA (vgl. 107 ff.). Dem Hoover Dam von Franklin D. Roosevelt wird der Dneprostroj-Damm von der Stalin-Ära gegenübergestellt. Gleiches gilt für den New Deal und den Fünf-Jahres-Plan, um nur einige Beispiele zu nennen.

Schlögel präsentiert in seinem Werk einen weit umspannenden Kosmos: Von den Schlachthöfen Chicagos bis hin zu den Museen der National Mall in Washington DC, vom erwähnten Hoover Dam (159 ff.), der „Megamaschine in der Wüste“, bis hin zum Highway. Als homogener Raum von New York bis San Francisco reicht der von Schlögel gespannte Bogen; letzterer sei nicht bloß ein „technisches Bauwerk, sondern Verkehrsform, Fahrstil, Rhythmus (121). In diesem Kontext wird die Stadt Detroit als „Hauptstadt des Automobile Age“ (201) interpretiert: Mit der neuen Verkehrsform ging auch eine neue Lebensform einher (vgl. 203).

Gegenstand des Buches ist natürlich auch das „Eisenbahn-Amerika“ (405 ff.) mit den „Kathedralen des goldenen Zeitalters“, den Bahnhofsgebäuden, etwa der Union Station in Chicago oder der Penn Station und dem Grand Central Terminal in New York (vgl. 419). Von der Eisenbahn kommt der Autor auf die (teilweise selbst erlebten) Reisen mit dem Greyhound-Bus (139 ff.). Eine besondere Funktion schreibt der Autor den Flughäfen zu, von denen es im ganzen Land insgesamt 15.000 gibt: Sie seien „Drehscheiben einer unentwegten Gesellschaftsbildung, Knoten und Scharniere, die das Land mit sich selbst verbinden und das Land mit der Welt zusammenbringen, öffentliche Räume, common places Amerikas im wahrsten Sinne des Wortes“ (462, Hervorhebung im Original).

Aber auch immaterielle Aspekte werden im Buch thematisiert, etwa wenn sich Schlögel den Auswanderinnen und Auswanderern im Exil zuwendet: so werden Hannah Arendt sowie Heinrich und Thomas Mann berücksichtigt, darüber hinaus Lion Feuchtwanger, Max Beckmann, Otto Klemperer, Walter Gropius und andere (vgl. 491 ff.). Auch hier schlägt Schlögel wieder den Bogen zur Sowjetunion: „Es ist kein Zufall, dass an der neuen Frontlinie die Erfahrungen auch der beiden Flüchtlingsbewegungen aufeinandertrafen, die von den Diktaturen Hitlers und Stalins ausgelöst worden waren. Es ist kein Zufall, dass in der Theoriebildung zum totalitären Staat, zur totalen Herrschaft, zum Totalitarismus die Exilanten deutscher Provenienz eine besondere Rolle auch in der Auseinandersetzung mit dem anderen totalen Staat, Stalins Sowjetunion, spielten“ (515). Er erinnert an Ernst Fraenkels „Dual State“, Franz Neumanns „Behemoth“, an Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ oder an Herbert Marcuses „Soviet Marxism“.

An anderer Stelle wendet sich Schlögel dem Campusleben zu, das „eine Welt für sich“ (227) darstelle: „Ein besonderer, ja einzigartiger, vielleicht sogar der amerikanische Ort schlechthin“ (227). Weitere inhaltliche Schwerpunkte des Buches greifen das Navigieren in Los Angeles (257 ff.), das Rockefeller Center in New York (289 ff.) und den Grand Canyon (325 ff.) auf. Die Weltausstellung in New York 1939/40 entpuppt sich als „Rundgang durch die Welt durch morgen“ (534), der sowjetische Pavillon wird als „Gegenwelt“ (547) beschrieben.

Ergänzt werden die genannten inhaltlichen Schwerpunkte durch einen Blick in den US-amerikanischen Alltag. So werden auch „American manners“ (737 ff.) berücksichtigt, die „Etikette der Warteschlange“ (747) beschrieben, die „Kunst des Nachrufs“ (365 ff.) erläutert oder das Motel als sozialer Ort kontextualisiert. Natürlich dürfen hier auch die „Ikonen der Einsamkeit“, nämlich die „Menschen im Hotel“ von Edward Hopper nicht fehlen (vgl. 761). Ein anderer Aspekt des alltäglichen US-amerikanischen Lebens ist die Rolle der Einkaufszentren, beispielhaft illustriert anhand der „Mall of America“ in Bloomington/Minnesota (587), größer als der rote Platz in Moskau, doppelt so viel Stahl wie der Eiffelturm, das „größte Monument des Konsums, das in den Vereinigten Staaten je gebaut worden ist“ (593). Mittlerweile stellt die „Mall of America“ die drittgrößte Touristenattraktion der Vereinigten Staaten dar, in den Worten von Kenneth L. Jackson der „Generalnenner des Lebens unserer Nation: […] Die Ägypter haben Pyramiden, die Chinesen haben eine große Mauer, die Briten haben makellose Rasenflächen, die Deutschen haben Schlösser, die Niederländer haben Grachten, die Italiener haben große Kirchen. Und die Amerikaner haben Einkaufszentren“ (ebd.). Tief in die amerikanische DNA eingeprägt, versteht Schlögel die Einkaufszentren als „Gemeinplatz des American way of life“ (587), den Supermarkt als „Knoten der Kulturen“ (589), welchen er unter Rückgriff auf Autoren wie Don DeLillo, Walt Whitman oder Walter Benjamin näher beschreibt.

Natürlich darf auch das Baseball-Stadion nicht fehlen, es ist für Schlögel ein „Treffpunkt der Stadtbewohner, deren Wege sich sonst nicht kreuzen, Bühne gemeinsamer Erlebnisse, ein Ort, an dem Energien zusammenströmen und Spannung sich entlädt, Raum leidenschaftlicher Parteinahme und irgendwie eingespielter Fairness, Aufgehen im Publikum und Einsamkeitserfahrung des für sich bleibenden Zuschauers, Schlachtenlärm und Kriegsersatz, Ordnung und Karneval in einem. Also: ein Gesellschaftsort par excellence, der Besichtigung wert“ (649). Schlögel macht das Baseball-Stadion fruchtbar für die Erforschung der Stadtentwicklung: Liegt es im Zentrum oder abseits? Dient es der Entwicklung eines ganzen Stadtteils? Und verbindet man Baseball mit Paul Goldberger eher mit dem Jefferson’schen Drang nach offenem Raum und ländlicher Weite oder eher mit dem Hamilton’schen Glauben an die Stadt und die Infrastruktur der industriellen Arbeit (vgl. 659)?

Schlögel verbindet in seinem Buch persönliche Erinnerungen und Erfahrungen mit den Werken einschlägiger Autorinnen und Autoren, Beobachtungen von Zeitgenossen und Berichten anderer Reisenden der vergangenen knapp zweihundert Jahre. So umfassend das inhaltliche Spektrum des Buches auch ist, hätten sich weitere Schwerpunkte angeboten: Musik und Film zum Beispiel werden immer wieder in den einzelnen Kapiteln mit eingebunden, hätten aber gleichwohl mit eigenen Kapiteln gewürdigt werden können. Zugleich hätte Schlögels Erzählung auch bis ins 21. Jahrhundert weitergeschrieben werden können, gerade Themen wie Digitalisierung, soziale Medien oder Künstliche Intelligenz hätten sich sehr gut geeignet, um die Geschichte Amerikas entlang der im Buch präsentierten Entwicklungslinien fortzuschreiben. Schlögel konstatiert für das Heute das Ende des amerikanischen Jahrhunderts. Als Leser hätte man gerne erfahren was danach kommt, die chinesische Herausforderung zum Beispiel wird nicht weiter berücksichtigt.

Leider endet das Buch nach einem Blick auf Frank Lloyd Wrights Suche nach der amerikanischen Form recht abrupt (vgl. 779 ff.), unmittelbar darauf folgt der Anhang des Buches mit den Dankesworten des Autors. Ein richtiges Schlusskapitel mit einer zusammenfassenden Quintessenz der vorangegangenen Ausführungen wäre hilfreich gewesen und hätte die wesentlichen Linien der knapp 800 Seiten des Buches pointiert auf den Punkt bringen können.

Unabhängig von diesen kleineren Monita handelt es sich bei „American Matrix“ um ein äußerst detailliertes, kenntnisreiches und hoch interessantes Werk, das man nicht zwangsläufig von vorne bis hinten lesen muss, sondern das dazu einlädt, nach Herzenslust zu blättern und zu stöbern. Dazu sind zahlreiche Abbildungen sowie weiterführende Literaturhinweise hilfreich. Und auch wenn es möglicherweise nicht die Absicht des Autors war: Unter der Hand kommen viele Aspekte des politischen und gesellschaftlichen Lebens in den vereinigten Staaten zur Sprache, sodass dieses Werk als sinnvolle und hilfreiche Ergänzung zu den traditionellen Werken der politikwissenschaftlichen Literatur zur Hand genommen werden kann.

 

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Weiterführende Links

Karl Schlögel / 02.10.2023

Karl Schlögel zu seinem Buch "American Matrix"

rbb Kultur