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/ 03.06.2013
Rudolf Morsey

Heinrich Lübke. Eine politische Biographie

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 1996; 635 S.; Ln., 68,- DM; ISBN 3-506-75776-8
An Heinrich Lübke (1894-1972), den zweiten Bundespräsidenten der Bundesrepublik (1959-1969), erinnert sich kaum noch jemand. "Das Wenige aber, was viele Zeitgenossen über den zweiten Bundespräsidenten im Gedächtnis behalten haben, ist eher negativ bestimmt, nämlich durch Fehler, sprachliche Unbeholfenheiten und ungeschickte Auftritte Lübkes, nicht selten allerdings auch durch Voreingenommenheit und Unkenntnis." (15) Bekannt ist vielleicht noch sein Einsatz für die Dritte Welt, aber nur wenige wissen, daß Lübke sich als politischer Botschafter verstand. So hat er z. B. mehrfach versucht, auf Ministerernennungen Einfluß zu nehmen, besonders die Ernennung von Gerhard Schröder zum Außenminister zu verhindern. Was ihm allerdings mißlang. Erfolgreicher war er dagegen mit seiner Weigerung, NS-belastete Beamte und Richter zu ernennen. Morsey zeichnet das Leben des Sauerländers Heinrich Lübke vom Bauernverbandssekretär und Zentrumsabgeordneten im Preußischen Landtag 1932/1933 über den CDU-Landwirtschaftsminister in Düsseldorf 1947-1952 und Bonn 1953-1959 bis zum "Verlegenheitspräsidenten" 1959 nach. Den meisten Raum nimmt die Darstellung der Amtsführung 1959-1969 ein, die nicht nur durch die gesundheitlichen Probleme, sondern auch durch die inzwischen durch Aktenfunde belegte Rufmordkampagne aus Ostberlin überschattet war. So zieht Morsey die Bilanz: "Zwiespältig mit einem Hauch von Tragik". (587) "Der zweite Bundespräsident war unbestechlich und persönlich anspruchslos, nahm es aber - gleichsam als Äquivalent dafür - mit der Amtshoheit und den staatlichen Repräsentationspflichten überaus ernst. Er legte Wert darauf, daß dem Inhaber des höchsten Staatsamtes der schuldige Respekt entgegengebracht würde. In dieser Erwartung sah er sich allerdings je länger je mehr getäuscht, nicht zuletzt als Reaktion auf die oft steife und spröde Art und Weise, in der er in der Öffentlichkeit auftrat. Da er belehren und überzeugen wollte, gerieten seine Ansprachen häufig zu ethisch-moralischen Monologen." (589) Inhaltsübersicht: I. Zur Einführung; II. Von Enkhausen in die Welt (1894-1922); III. Vertreter klein- und mittelbäuerlicher Interessen in Berlin (1923-1930); IV. Agrar- und Siedlungspolitiker in den Krisenjahren der Weimarer Republik (1930-1933); V. Leben und Überleben im "Dritten Reich" (1933-1935); VI. Beruflicher Neubeginn - dienstverpflichtet im Zweiten Weltkrieg (1935-1945); VII. Erste Nachkriegsstationen (1945-1946); VIII. Landwirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen (1947-1952); IX. Zwischen Düsseldorf und Bonn; X. Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten unter Adenauer (1953-1959); XI. Bilanz, Arbeitsweise und Führungsstil; XII. "Notnagel" oder "Wundermann"? Die Wahl zum Staatsoberhaupt; XIII. Das Interesse an der Vita des Staatsoberhaupts; XIV. Bundespräsident in der Kanzlerdemokratie: Die erste Amtsperiode (1959-1964), XV. Mehr als ein "Staatsnotar"? XVI. Schwerpunkte; XVII. Zwischenbilanz (1964); XVIII. Politische Ambitionen auch in der zweiten Amtsperiode (1964-1969); XIX. Niederlagen am laufenden Band (1965-1966); XX. Die Leidenszeit beginnt; XXI. Die Kampagne gegen den "KZ-Baumeister" (1965-1968); XXII. Kesseltreiben gegen das Staatsoberhaupt; XXIII. Bitterer Abschied (1968-1969); XXIV. Die Bilanz: zwiespältig, mit einem "Hauch von Tragik"; XXV. Quellen und Literatur.
Heinz-Werner Höffken (Hö)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.313 Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Rudolf Morsey: Heinrich Lübke. Paderborn u. a.: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2259-heinrich-luebke_2767, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 2767 Rezension drucken
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