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Rezension / 15.08.2023

George Monbiot: Neuland. Wie wir die Welt ernähren ohne den Planeten zu zerstören

München, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH 2022

George Monbiot illustriert den Anteil der Landwirtschaft an Artensterben, Klimawandel und globaler Umweltzerstörung – und zeigt, wie wenig resilient dieser zentrale Bereich unserer Versorgungs- und Lebensmittelsicherheit zugleich ist. Er stellt Produktionsalternativen und Erkenntnisse der Bodenökologie vor, die die Grundlage einer neuen Landwirtschaft bilden könnten. Unser Rezensent zeigt sich von der Kombination aus gut lesbarem Schreibstil und wissenschaftlicher Genauigkeit beeindruckt: Monbiot sei ein „aufrüttelndes und nachdenklich stimmendes Buch gelungen“.

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Stellen wir uns einmal verschiedene Speisen vor. Denken wir beispielsweise an einen saftigen Rindfleischburger von einer der großen Fast-Food-Ketten. Wir alle können uns gut vorstellen, wie stark ein solches Gericht den Planeten und unsere Umwelt belastet. Die meisten von uns wissen, dass die Produktion von Fleisch um ein Vielfaches mehr Treibhausgase ausstößt und Ressourcen verschlingt, als beispielsweise die Produktion und der Verzehr von Gemüse. Bekannt ist auch, dass für Rindfleisch, das häufig aus Südamerika stammt, die Regenwälder des Amazonas abgeholzt werden. Auch die übrigen Burger-Bestandteile belasten das Ökosystem. Die von Zulieferern hergestellten Brötchen rechnen sich als absolutes Massenprodukt für die Hersteller vermutlich erst ab der dritten Nachkommastelle. Entsprechend wird Druck auf die Landwirtschaft ausgeübt, möglichst billig zu produzieren. Mit allen Konsequenzen für die Umwelt. Dass die Ernährung eine hochpolitische Frage ist, wird allein schon mit einem Blick auf dieses Produkt „Burger“ klar. Aber was sind unsere Alternativen? Vermutlich denken die meisten von uns an das, was die Medien uns vorschlagen: regionale und saisonale Produktion. Dazu möglichst „bio“. Die Alternative lautet also: ein kleines Stück Rindfleisch aus der Region, Grasfütterung, unter Einhaltung von Bio-Standards.

Was aber, wenn das nicht stimmt? Was, wenn die derzeitigen Alternativen — trotz ihres edlen Ansinnens — am Ende sogar noch schädlicher sein könnten als die zum Übeltäter erklärten Fast-Food- und Convenience-Food-Angebote? Schädlich zumindest für Umwelt und Artenvielfalt.

Der bekannte britische Journalist (Guardian), Veganer und Umweltschützer George Monbiot hat zu dieser Frage ein neues Buch vorgelegt, in dem er nichts weniger als eine Ernährungsrevolution vorschlägt, um insbesondere dem Problem des Artensterbens (aber auch des Klimawandels) Herr zu werden. Als promovierter Biologe (Zoologie) ist der Autor naturwissenschaftlich gerüstet, um sein journalistisch geschriebenes und sehr gut lesbares Buch mit beinahe tausend Verweisen zu Studien und Untersuchungen umfangreich und höchst aktuell zu fundieren. Dabei ist der Gedankenfluss stets gradlinig, von einem roten Faden durchzogen und hervorragend nachvollziehbar. Insgesamt gliedert sich das Buch in neun Kapitel auf etwa 400 Seiten, wobei allein die Anmerkungen 80 Seiten einnehmen. Die Kapitelüberschriften („Fruchtbar“, „Wurzeln schlagen“, „Genuss in Zahlen“) sagen erst einmal noch nichts über den Inhalt des einzelnen Kapitels aus.

Der Einstieg in das Buch ist harmlos. Vollkommen harmlos. Es beginnt mit einer Reise in den Obstgarten. Der Autor beschreibt, wie er selbst in einem Gemeinschaftsgarten Parzellen angelegt und mit den anderen Hobbygärtnerinnen und -gärtnern gepflegt hat und welche Erfahrungen er auf diese Weise im ökologischen Landbau sammeln konnte (zum Beispiel, dass es keiner Chemikalien bedarf, um Blattläuse im Zaum zu halten, 16f .). Doch schon ab Seite 20 betritt das Buch selbst für fachlich Interessierte „Neuland“, wie es im deutschen Titel heißt: Monbiot beschreibt detailreich, von welchen seltsamen Kreaturen die Böden auf der gesamten Welt bewohnt werden. Aus der Meeresforschung kennt man den Spruch, dass die Tiefsee in weiten Teilen weniger bekannt ist als der Mond. Bei Monbiot merkt man schnell: Dasselbe gilt für unsere Böden. In einem Spatenstich Boden findet sich mehr Leben als in der gesamten Serengeti (29). Und erst ganz allmählich beginnen die Menschen zu verstehen, wie komplex das symbiotische Geflecht zwischen Mikroorganismen, mikroskopischer Fauna im Boden und den im Boden wachsenden Pflanzen ist. Monbiot beschreibt eindringlich, dass Pflanzen sprechen können: Sie sprechen eine chemische Sprache, die dazu dient, bestimmte Bodenorganismen anzulocken oder zu vertreiben. Er bezeichnet das Bodenleben um die großen Bäume als ihren „externen Darm“ (35).

Monbiot geht es um einen wissenschaftlich relevanten Aspekt: Bis heute gibt es keine naturwissenschaftliche Theorie des Bodens (46). Er fordert genau diese ein, damit wir in stärkerem Maße wissenschaftliche Grundlagen für den Schutz der Böden auf der ganzen Welt zur Hand haben. Dies ist vielleicht die erste wichtige Botschaft des Buches: Wir müssen aufhören, Böden als totes, passives Gesteinsmaterial wahrzunehmen (51). Erst dann sind wir gedanklich bereit, mehr für den Schutz der Böden zu tun, von denen im Grunde genommen sämtliche terrestrischen Ökosysteme abhängen.

Dabei vergisst Monbiot nicht, auf den weitreichenden Nutzen funktionierender Böden für den Menschen hinzuweisen. Viele der heutzutage in der Medizin verwendeten Antibiotika stammen von Bodenbakterien (39). Monbiot geht aber noch einen großen Schritt weiter. Er versucht mit wissenschaftlichen Studien und Zahlen zu belegen, dass unser heutiges Nahrungsmittelsystem nicht nur nicht nachhaltig, sondern auch nicht resilient ist. Aus seiner Sicht ist es jederzeit anfällig für eine große Katastrophe, die binnen kürzester Zeit zu einer dramatischen Hungersnot in weiten Teilen der Welt führen könnte. Resiliente Systeme zeichnen sich für ihn vor allem dadurch aus, dass sie vielfältig modular aufgebaut und redundant ausgebaut sind. Genau das trifft auf unser Ernährungssystem nicht zu. Er beschreibt, wie es zu einer globalen Standardernährung kam und wie wir im Grunde unsere gesamte Ernährung aus gerade einmal vier Standardpflanzen (Weizen, Reis, Mais, Soja) beziehen: Und das aus nur einer Handvoll Staaten. Größtenteils in den Händen von wenigen Großunternehmen, die Maschinen, Know-how und Agrochemie sowie standardisiertes und artenarmes Saatgut vertreiben. Monbiot ist überzeugt: Wenn einzelne Ökosysteme durch Überforderung dieses Ernährungssystems ins Straucheln geraten, können sie ganze Ökosysteme der Erde mit sich reißen und damit die Ernährungssicherheit der Menschheit gefährden (57-70).

Insbesondere der Flächenfraß durch die Landwirtschaft, aber auch der unverantwortliche Eintrag von Düngemitteln und Agrochemikalien in das Freiland sind Monbiot ein Dorn im Auge. Flussverunreinigungen gehen in den Industrieländern heutzutage keineswegs mehr auf das Konto der Industrie. Die Landwirtschaft ist die Hauptursache für das Gewässersterben (109). Dem überzeugten Veganer Monbiot ist es ein Anliegen, immer wieder vor Augen zu führen, wie sehr der übermäßige Fleischkonsum zur allgemeinen Misere beiträgt. Hierzu hat er eindrucksvolle Zahlen zusammengetragen, etwa wenn er darauf hinweist, dass ein mit Holzpellets beheizter Maststall für Hühner pro Jahr etwa einen Hektar Wald verschlingt (127). An dieser Stelle übermittelt er den Leserinnen und Lesern auch eine Botschaft, die gerade für diejenigen schmerzhaft sein dürfte, die eigentlich besonders stark auf eine regionale und ökologische Herkunft ihres Fleisches Wert legen: „Auch, wenn es für viele vielleicht ein Schock ist: Es gibt kaum ein umweltschädlicheres landwirtschaftliches Produkt als Biorindfleisch aus Weidehaltung“ (129). Das liegt vor allem daran, dass für die extensiv ausgelegte biologische Produktion von Fleisch immer mehr Fläche benötigt wird. Etwa ein Prozent der globalen Oberfläche ist von Städten und Infrastrukturen versiegelt. Etwa 12 Prozent werden für Ackerbau benötigt. Aber 28 Prozent für Weideflächen — Tendenz steigend (133). Die Flächennutzung ist für ihn die wichtigste aller Umweltfragen und aus seiner Sicht der kritische Faktor, der darüber entscheidet, ob Ökosysteme überleben oder nicht (134). Auch gut gemeinte, extensive Weidehaltung wird das Problem nicht lösen, denn sie vermag es schon rein mengenmäßig nicht. Dies belegt Monbiot für das Vereinigte Königreich mit einem Beispiel: Würden dort alle Menschen im ihr Rindfleisch aus biologischer Weidehaltung beziehen (ohne, dass weiterer Flächenfraß hinzukäme), gäbe es für jeden Briten und jede Britin gerade einmal 420 Gramm Fleisch — pro Jahr (137).

Dass neben dem Artensterben etwas gegen den Klimawandel unternommen werden muss, ergibt sich für Monbiot schon aus dem Blick auf die Weltkarte. In Indien, Nigeria, Pakistan und Indonesien leben mehr als zwei Milliarden Menschen. In der Regel versorgen kleinbäuerliche Betriebe viele Menschen in diesen vier Ländern — und alle vier gelten als besonders vom Klimawandel bedroht (80 f.) Und auch hier sieht er eine klare Verbindung zum Fleischkonsum: „Von einer fleischreichen Ernährung auf eine gänzlich pflanzenbasierte umzustellen, würde die Treibhausgasemissionen unserer Nahrung um 60 Prozent senken“ (143).

Der mittlere Teil des Buches (150-315) beschäftigt sich vor allen Dingen mit verschiedenen Formen ökologischer Landwirtschaft, in denen versucht wird, die starke Industrialisierung unserer Nahrungsmittelproduktion zurückzudrängen. Monbiot zeigt dafür Sympathie und Verständnis, er lobt immer wieder den Versuch einzelner engagierter Menschen, die Welt zum Besseren zu wenden. Doch genauso unerbittlich ist er in seinem nüchternen Blick auf die Zahlen. Stets setzt er diese Bemühungen in Relation zu unseren bestehenden Konsummustern und kommt immer wieder zu einem niederschmetternden Ergebnis: Auch diese Versuche helfen in keiner Weise das Problem in der Breite in den Griff zu bekommen. An dieser Stelle ist das Buch sogar ein wenig zu lang gehalten. Als Leserin oder Leser wird man auf die Dauer nervös, wenn lauter Ansätze vorgestellt werden, die am Ende doch nichts bringen.

Umso spannender ist es, wenn er im entscheidenden siebten Kapitel („Farmfree“) endlich die Katze aus dem Sack lässt und zeigt, worin er eine Hoffnung für die Nahrungsmittelindustrie sieht. In Bakterien und in Präzisionsfermentation. Das Kapitel beginnt mit einem Besuch in einem finnischen Universitätslabor, in dem Bakterien genetisch umprogrammiert werden und schaumartige Eiweiße herstellen, wie man es in etwa aus der Insulin-Produktion kennt. Um Proteine aus Sojabohnen herzustellen, werden in den USA Flächen in der Größe Italiens benötigt. Gelänge es, die erfolgreichen finnischen Versuche industriell zu skalieren, bräuchte man lediglich eine Fläche der Größe Clevelands. Mit anderen Worten: Die bakterielle, industrielle Erzeugung von Eiweißen benötigt 1.700-mal weniger Land und wäre damit aus seiner Sicht die derzeit einzig greifbare Möglichkeit, der Zerstörung unserer Umwelt und dem Artensterben Einhalt zu gebieten (318). Insbesondere, so ein Seitenhieb von ihm, wenn die Energie dafür mit Wasserstoff produziert würde — hergestellt durch Atomreaktoren der vierten Generation (319). Mindestens neutrales, weißes Protein ließe sich auf diesem Wege herstellen und man könnte auf die 66 Milliarden geschlachteten Hähnchen pro Jahr vielleicht verzichten (331). Da es sich bei dem Verfahren um eine industrielle Form der Produktion handelt, wäre es durch Skalierung potenziell preisgünstig und der Konsum damit auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel finanzierbar. Schließlich dürfe man nicht vergessen, dass eine gesunde Ernährung derzeit etwa fünfmal so viel kostet wie eine ungesunde (348).

Für Menschen, die nicht Biologie studiert haben, sind manche Informationen wirklich interessant. Wer weiß schon, dass der erdige Geruch eines Boden, auf den sanfter Sommerregen gefallen ist, von bestimmten Mikroben und deren chemischen Stoffen ausgelöst wird und Petrichor genannt wird (33). Wem ist bewusst, dass 70 Prozent der globalen Agrarflächen im Besitz von einem Prozent „Bauern“ sind - genauer müsste man sagen: Investmentbanken, Pensionsfonds und Hedgefonds (72). Und wer ahnte, dass 75 Prozent der Antibiotika in den USA und der EU nicht für den Menschen, sondern für Nutztiere eingesetzt werden (112).

Ab Seite 386 fasst Monbiot noch einmal die wesentlichen Ergebnisse seines Buches zusammen. Wir sollen den gängigen Narrativen, insbesondere der Ernährungswirtschaft und der Politik, misstrauen. Wir sollen uns intensiv mit den empirischen Daten zur Land- und Ernährungswirtschaft beschäftigen. Wir müssen dringend die landwirtschaftlich genutzte Fläche reduzieren und wieder rückverwildern, um Lebensraum für andere Arten als den Menschen zu schaffen. Das gleiche gilt für unseren Wasserverbrauch. Wir müssen die Nutztierhaltung einstellen und tierische Proteine und Fette durch Präzisionsfermentation ersetzen. Wir müssen globale Konzerne aus der Ernährungswirtschaft zurückdrängen und das globale Ernährungssystem diversifizieren.

Man muss Monbiots Meinung keineswegs in allen Punkten teilen. Dennoch ist ihm ein aufrüttelndes und nachdenklich stimmendes Buch gelungen, das durch seine leichte Lesbarkeit bei gleichzeitig hoher wissenschaftlicher Präzision beeindruckt. Auch wenn sich gewisse Widersprüche auftun — wie will man einerseits teure und technisch anspruchsvolle Präzisionsfermentation fördern und gleichzeitig globale Konzerne zurückdrängen? — ist es ein Buch, das sich zu lesen lohnt.

 

CC-BY-NC-SA
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