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/ 13.11.2014
Wolfgang Benz

Ansturm auf das Abendland? Zur Wahrnehmung des Islam in der westlichen Gesellschaft

Wien: Picus Verlag 2013 (Wiener Vorlesungen im Rathaus 170); 56 S.; geb., 8,90 €; ISBN 978-3-85452-570-7
Wieder einmal – so könnte man frei nach Marx feststellen – geht ein Gespenst um in Europa, das Gespenst der Islamisierung. In seinem im Februar 2012 im Wiener Rathaus gehaltenen und in diesem Band dokumentierten Vortrag konstatiert Wolfgang Benz dazu für die Gegenwart eine paradoxe Gleichzeitigkeit zweier sehr unterschiedlicher Haltungen: „Bedrohungsängste dominieren über Toleranz und Liberalität.“ (13) Auch wenn diese Ängste ursächlich an die schnelle Folge gesellschaftlicher Wandlungsprozesse gebunden sind, wie der Antisemitismusforscher gleich betont, so verweisen sie dennoch auf einen darunterliegenden, systematischen Problemzusammenhang. Es geht um Vorurteile und Frustrationen, um Ressentiments und Feindbilder, die ihrerseits integrierend wirken: „Die Ausgrenzung stiftet Gemeinschaftsgefühl und bietet außerdem schlichte Welterklärung in einem System von Gut und Böse, in dem beliebige Minderheiten – zum Beispiel Juden, Asylbewerber, Muslime, ‚Zigeuner’, Ausländer schlechthin – für Missstände, Bedrohungen und Bedrohungsängste, Mangel oder Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden.“ (16) Opfer dieser spezifischen Art der Integration seien heute die Muslime, die mit „vormoderner Lebenswelt“ ebenso assoziiert würden wie mit einer „archaischen Wüstenkultur“ (22). Dass hinter diesem Ausgrenzungsmechanismus jedoch ein Muster stecke, gerate dabei nur allzu häufig aus dem Blickfeld. Ohne historische Singularitäten zu negieren, verweist Benz auf eine seit der Zeit der Kreuzzüge in ihrem Strukturprinzip ungebrochene Praxis sprachlicher Konstruktion pauschalisierender und verfälschender Vorurteile in der Öffentlichkeit. Im Rahmen des „islamkritischen Diskurses“ (52) werde dabei, wie Benz mit Blick auf die jüngsten Arbeiten von Richard Stöss zu zeitgenössischen Varianten des Rassismus betont, das „Feindbild Jude [...] in der alltäglichen Propaganda durch das Feindbild Moslem ersetzt“ (53). Das ist, wie Benz zutreffend feststellt, einer demokratischen Gesellschaft unwürdig, allzumal wenn sie – wie die deutsche – in einer sehr ernsthaften Verantwortung, ja Verpflichtung steht, die aus der aktiven Erinnerung an die Vergangenheit und die dort begangenen Verbrechen herrührt.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Wolfgang Benz: Ansturm auf das Abendland? Wien: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37765-ansturm-auf-das-abendland_43792, veröffentlicht am 13.11.2014. Buch-Nr.: 43792 Rezension drucken
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