/ 03.06.2013
Zeljko Vukovic
Einstürzende Festungen. Über den jugoslawischen Zerfall und die europäischen Wirren. Aus dem Serbokroatischen von Mira Beham
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 1996; 128 S.; brosch., 19,80 DM; ISBN 3-8012-3072-4Die mangelnde Kenntnis der geschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Ursachen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien bestimmte die Diskussionen und Reaktionen im westlichen Europa. Vukovics Buch ist dagegen die Analyse eines "Insiders": Der Autor arbeitete bei der Belgrader Tageszeitung Borba in Sarajewo und war Vorsitzender des bosnischen Journalistenverbandes. Drohungen und Verfolgungen aller drei Kriegsparteien zwangen ihn, in Norwegen politisches Asyl zu suchen. Vukovics These: Der entscheidende Auslöser des jugoslawischen "Harakiri" (15) lag in einer unter kommunistischem Vorzeichen verordneten "Nichtidentität" (18) der Menschen, die sich nach dem Scheitern des Systems zu einem Nationalismus und Intoleranz anziehenden Vakuum gewandelt habe. Dieser psychologische Prozeß habe alle Bevölkerungsgruppen Jugoslawiens erfaßt: "Die Frage, wer zuerst angefangen hat, ist eine verlogene." (51) Vukovic wehrt sich gegen jegliche Schwarz-Weiß-Malerei. Seine Behauptung, daß alle irgendwie ein bißchen schuld waren, läuft jedoch Gefahr, in der Konsequenz zu münden, daß letztlich niemand an irgend etwas Schuld habe. Vukovics Überlegungen zum jugoslawischen Desaster sind provokant und erregen Widerspruch, aber sie bleiben aufschlußreich.
Dabei wäre der Autor besser geblieben, denn im zweiten Teil seines Buches versucht er, die Ursachen und Konsequenzen des Zerfalls Jugoslawiens auf die europäische Politik zu übertragen. So differenziert, wie zuvor die Akteure im Krieg behandelt wurden, so deutlich betreibt Vukovic nun Schwarz-Weiß-Malerei gegen das wiedervereinigte Deutschland: Jenes Land, "das die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zunichte gemacht hat" (121). Impulsiv werden Thesen von der Militarisierung der Außenpolitik und Stereotype vom gefährlichen Deutschland mit verqueren Analogien zur jugoslawischen Situation durcheinandergewirbelt. Der Leser bemerkt schnell, daß der Autor hier nun wirklich kein "Insider" mehr ist.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.62
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Zeljko Vukovic: Einstürzende Festungen. Bonn: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1994-einstuerzende-festungen_2396, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 2396
Rezension drucken
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
CC-BY-NC-SA