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/ 12.06.2013
Ansgar Strätling

Sachverständiger Rat im Wandel. Der theoretische Argumentationshintergrund des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zur Beschäftigungspolitik von 1964 bis 1999

Marburg: Metropolis-Verlag 2001 (Hochschulschriften 71); 316 S.; 34,80 €; ISBN 3-89518-339-3
Wirtschaftswiss. Diss. Siegen; Gutachter G. Brinkmann. - Seit Februar 1963 bewertet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung regelmäßig die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Er avancierte zur führenden Beratungsinstitution des Landes. In seiner Untersuchung nimmt Strätling den theoretischen Argumentationshintergrund des Rates unter die Lupe. Anhand von 8000 Seiten der Jahres- und Sondergutachten aus 36 Jahrgängen fragt er mit Bezug auf den Arbeitsmarkt "...
Ansgar Strätling

Sachverständiger Rat im Wandel. Der theoretische Argumentationshintergrund des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zur Beschäftigungspolitik von 1964 bis 1999

Marburg: Metropolis-Verlag 2001 (Hochschulschriften 71); 316 S.; 34,80 €; ISBN 3-89518-339-3
Wirtschaftswiss. Diss. Siegen; Gutachter G. Brinkmann. - Seit Februar 1963 bewertet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung regelmäßig die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Er avancierte zur führenden Beratungsinstitution des Landes. In seiner Untersuchung nimmt Strätling den theoretischen Argumentationshintergrund des Rates unter die Lupe. Anhand von 8000 Seiten der Jahres- und Sondergutachten aus 36 Jahrgängen fragt er mit Bezug auf den Arbeitsmarkt "nach Art und Weise der Beschreibung und Erklärung der gesamtwirtschaftlichen Phänomene in der Bundesrepublik Deutschland und schließlich der Verarbeitung dieser Erkenntnisse zu wirtschaftspolitischen Konzeptionen" (20). Die Argumentationsstruktur des Sachverständigenrates lässt sich grob in drei Phasen einteilen: von seiner Gründung bis in die Siebzigerjahre stützte er sich auf die keynesianische Konjunkturtheorie, diese wurde dann zum Teil durch das angebotsorientierte Konzept der Wirtschaftspolitik abgelöst; ab 1986 zunehmend unter besonderer Berücksichtigung des Arbeitsmarktes. Dabei beobachtet der Autor eine gewisse Parallelität zwischen der Entwicklung in den Jahresgutachten und der volkswirtschaftlichen Theoriebildung. Zur Beurteilung der Ratstätigkeit zieht Strätling Kriterien des modernistischen Wissenschaftsideals heran und folgert: "Der theoretische Argumentationshintergrund des Rates besteht aus einer unklaren Axiomatik, vereinzelt mit Widersprüchen versehen, die Erklärungen sind durchgehend nicht falsifizierbar, die Frage nach der Bewährtheit kann nur in seltenen Fällen gestellt werden. Das Projekt 'Sachverständigenrat' auf Grundlage des dezisionistischen Modells ist gescheitert." (289) Gleichzeitig relativiert er seine Aussage: Der Mangel sei nicht allein den Mitgliedern des Rates zuzuschreiben, sondern der Volkswirtschaftlehre. Als Sozialwissenschaft sei sie keine harte, axiomatische Wissenschaft. So bleibe dem Sachverständigenrat nichts anderes übrig als eine "Erzählung von den Beschäftigungsproblemen" (290) zu erfinden, in der "volkswirtschaftstheoretische Modelle als Sprachformen Eingang finden" (280). Um nicht vollständig die Wirtschaftswissenschaft infrage zu stellen, setzt der Autor sie mit der Literatur als einer der Welterkenntnisformen gleich. Auf dieser Basis könne die Tätigkeit des Sachverständigenrates als bestmögliche Form der Begutachtung und Beratung verstanden werden. Fraglich bleibt letztlich, ob die gewählte Fundamentalkritik von Strätling hinsichtlich der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftslehre der richtige Zugang ist, um den Output des Sachverständigenrates zu bewerten. Inhaltsübersicht: I. Gesamtwirtschaftliche Begutachtung und Beratung als Untersuchungsgegenstand: 1. Der deutsche Sachverständigenrat im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags. II. Die Keynesianische Phase (1964-1974): 1. Die Begründung der keynesianischen Ausprägung der ersten Phase der Ratstätigkeit; 2. Die Modellierung der bundesdeutschen Volkswirtschaft der sechziger Jahre durch den Sachverständigenrat; 3. Die wirtschaftspolitische Gesamtkonzeption des Sachverständigenrates; 4. Auflösungstendenzen durch den Monetarismus in den Jahresgutachten 1973/74 und 1974/75. III. Die allgemeine Angebotsorientierte Phase (1975-1985): 1. Die veränderte Lage durch den ersten Ölpreisschock als Initial eines argumentatorischen Phasenwechsels; 2. Die Diagnose der wirtschaftlichen Lage in der zweiten Phase der Ratstätigkeit; 3. Die wirtschaftspolitischen Vorschläge im Hinblick auf das Beschäftigungsziel. IV. Die Angebotsorientierte Phase unter besonderer Berücksichtigung des Arbeitsmarktes (1986-1999): 1. Uneinheitliche Arbeitsmarktentwicklungen als Bestimmungsgrund eines spezialisierenden Phasenwechsels; 2. Die Darlegung der Beschäftigungssituation in den Äußerungen des Rates der dritten Phase; 3. Beschäftigungspolitische Ansätze in der dritten Phase der Ratstätigkeit. V. Zusammenfassung und Bewertung: 1. Formaltheoretische Trends; 2. Wissenschaftstheoretische Interpretationen; 3. Ist eine bessere Begutachtung und Beratung möglich?
Tetyana Lutsyk (TL)
Lizentiat der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen (lic. oec. int.), Doktorandin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Wirtschaftspolitik, Universität Leipzig.
Rubrizierung: 2.3242.342 Empfohlene Zitierweise: Tetyana Lutsyk, Rezension zu: Ansgar Strätling: Sachverständiger Rat im Wandel. Marburg: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14156-sachverstaendiger-rat-im-wandel_18669, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18669 Rezension drucken
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