/ 12.06.2013
Tom Rockmore
Heidegger und die französische Philosophie. Aus dem Amerikanischen und Französischen von Thomas Laugstien
Lüneburg: zu Klampen Verlag 2000; 310 S.; hardc., 29,65 €; ISBN 3-924245-96-7Der amerikanische Heidegger-Experte Rockmore legt eine philosophiehistorisch wie systematisch interessante Studie über die Heidegger-Rezeption in Frankreich vor. Das Erkenntnisinteresse seiner Arbeit liegt darin, den "Vorgang [zu] begreifen, daß eine mit dem Nazismus verbundene Philosophie in der prinzipiell humanistisch gesinnten französischen Nachkriegsphilosophie zur herrschenden Auffassung wurde" (15). Diesen zunächst paradoxen Befund erklärt Rockmore aus dem nahezu ungebrochenen Verhältnis ...
Tom Rockmore
Heidegger und die französische Philosophie. Aus dem Amerikanischen und Französischen von Thomas Laugstien
Lüneburg: zu Klampen Verlag 2000; 310 S.; hardc., 29,65 €; ISBN 3-924245-96-7Der amerikanische Heidegger-Experte Rockmore legt eine philosophiehistorisch wie systematisch interessante Studie über die Heidegger-Rezeption in Frankreich vor. Das Erkenntnisinteresse seiner Arbeit liegt darin, den "Vorgang [zu] begreifen, daß eine mit dem Nazismus verbundene Philosophie in der prinzipiell humanistisch gesinnten französischen Nachkriegsphilosophie zur herrschenden Auffassung wurde" (15). Diesen zunächst paradoxen Befund erklärt Rockmore aus dem nahezu ungebrochenen Verhältnis der französischen Philosophietradition zur Religion, durch ihr prinzipielles Interesse an der Phänomenologie und durch ihre starke Beeinflussung durch den Cartesianismus, von dessen Vorherrschaft Heidegger Befreiung versprach. Den Hauptgrund aber sieht er in der humanistischen Tradition der französischen Philosophie selbst. Sie missverstand nämlich Heidegger, vor allem wegen seines 1947 geschriebenen Briefes "Über den Humanismus" als Denker eines postmetaphysischen Humanismus, den man an die eigene Tradition anschließen zu können glaubte. Heideggers eigenes Bemühen, sich in der Nachkriegsepoche der französischen Philosophie zuzuwenden sowie die unermüdlichen Aktivität seines französischen Schülers Beaufret führten nach Rockmore dazu, dass Heidegger zum "Meisterdenker" Frankreichs wurde - nur um den Preis einer Fehlinterpretation allerdings. "Die in Frankreich vorherrschende Heidegger-Lektüre bildet seine Theorie damals wie heute [...] als einen neuartigen, tieferen Humanismus ab. Doch das ist nachweislich eine Fehlinterpretation, die nur deshalb möglich ist, weil sein eigener Antihumanismus [...] so oft vernachlässigt wurde oder sogar unbemerkt blieb." (26) Insofern ist Rockmores Monographie mehr als eine bloß philosophiehistorische perspektivische Zeichnung der Geschichte der französischen Nachkriegsphilosophie. Sie leistet darüber hinaus eine kontextualistische Interpretation von Heideggers wichtigsten Texten, die seine Denkmotive systematisch an seine Nähe zum Nationalsozialismus rückbindet. - Besonders bemerkenswert ist, dass Rockmore in einer Sprache schreibt, die selbst Laien verständlich ist. Er gehört zu dem kleinen Kreis von Heidegger-Kennern, die sich von seiner Terminologie entfernt haben, ohne dass der subtile philosophische Gehalt dabei verloren ginge.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.46 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Tom Rockmore: Heidegger und die französische Philosophie. Lüneburg: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13840-heidegger-und-die-franzoesische-philosophie_16590, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16590
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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