/ 12.06.2013
Diana Hummel
Der Bevölkerungsdiskurs. Demographisches Wissen und politische Macht
Opladen: Leske + Budrich 2000 (Forschung Politikwissenschaft 108); 357 S.; kart., 34,77 €; ISBN 3-8100-2963-7Hummels Untersuchungsinteresse gilt der Verknüpfung von Wissenschaft und Politik, von Wissen und Macht im Bevölkerungsdiskurs (11). Dreißigmal taucht der Begriff "Diskurs" bereits auf den fünf Seiten der Einleitung auf, den sie auf über 300 Seiten analysiert. Sie unterscheidet "zwischen einem hegemonialen Bevölkerungsdiskurs und kritischen Gegendiskursen" (12). Die Mehrzahl weckt allerdings falsche Erwartungen, da sie sich ausschließlich auf feministische Kritik beschränkt und beispielsweise die...
Diana Hummel
Der Bevölkerungsdiskurs. Demographisches Wissen und politische Macht
Opladen: Leske + Budrich 2000 (Forschung Politikwissenschaft 108); 357 S.; kart., 34,77 €; ISBN 3-8100-2963-7Hummels Untersuchungsinteresse gilt der Verknüpfung von Wissenschaft und Politik, von Wissen und Macht im Bevölkerungsdiskurs (11). Dreißigmal taucht der Begriff "Diskurs" bereits auf den fünf Seiten der Einleitung auf, den sie auf über 300 Seiten analysiert. Sie unterscheidet "zwischen einem hegemonialen Bevölkerungsdiskurs und kritischen Gegendiskursen" (12). Die Mehrzahl weckt allerdings falsche Erwartungen, da sie sich ausschließlich auf feministische Kritik beschränkt und beispielsweise die Position der katholischen Kirche, die bei diesem Thema ebenfalls konträr steht, überhaupt nicht berücksichtigt. Bevölkerungspolitik wird aus feministischer Sicht als sexistisch-rassistische Herrschaftsform verstanden. Da die Bevölkerungswissenschaft hierfür das nötige Wissen liefere, steht sie unter Ideologieverdacht. "Der Schwerpunkt der feministischen Kritik liegt auf den Praktiken und den zugrundeliegenden Menschen- und Weltbildern." (14) Das Menschen- und Weltbild dieser vielfältigen "Gegendiskurse" bleibt bemerkenswert unscharf; stattdessen stehen Rechte im Vordergrund. Ziel ist der Zuwachs von Gestaltungsmacht für Frauen in allen Lebensbereichen (133), vor allem die eigene Entscheidung über die Weitergabe des Lebens. Das Dilemma einer Selbstbestimmung, die nichts außerhalb ihrer selbst wahrnimmt oder akzeptiert, macht das Zitat einer anderen Forscherin deutlich: Die Reduktion auf die individuelle Seite und die Rechte der Einzelnen isoliere "die einzelnen zu Monaden, zu nicht vergesellschafteten autonomen Wesen" (133). Zusätzlich zu dieser Engführung droht feministischen Ansätzen "die Vereinnahmung durch das Bevölkerungsestablishment", dem sie in seinem Wunsch nach Geburtenkontrolle mit ihrer progressiven Rhetorik sehr entgegen kommen (142). Andererseits hat gerade die feministische Kritik aufgezeigt, "wie die fortschrittliche Diktion der Familienplanung als Möglichkeit und Mittel zur individuellen Gestaltung der Lebensverhältnisse zu einem Euphemismus für Bevölkerungskontrolle werden kann" (105). Die Politikwissenschaftlerin legt mit ihrem Werk eine Wissenschaftsanalyse und -kritik vor, die auf die Erwartung hinausläuft, dass vermutlich Abschied zu nehmen sei von der Demographie als einer Wissenschaft. (326)
Inhalt: 2. Die Verschränkung von Wissen und Macht im Bevölkerungsdiskurs: Konzeptuelle und methodische Vorüberlegungen; 3. Der hegemoniale Diskurs; 4. Gegendiskurse; 5. Feministische Perspektiven; 6. Die Entdeckung der Bevölkerung durch die Wissenschaft; 7. Die Population als Gegenstand der Wissenschaft; 8. Demographie: Die Wissenschaft von der Quantität des Lebens und des Todes; 9. Die Demographie als "politische Wissenschaft"; 10. Wege aus den Sackgassen des Bevölkerungsdiskurses.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 5.2 | 2.263 | 2.27
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Diana Hummel: Der Bevölkerungsdiskurs. Opladen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13761-der-bevoelkerungsdiskurs_16493, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16493
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Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
CC-BY-NC-SA