/ 21.06.2013
Boris Kanzleiter / Krunoslav Stojaković (Hrsg.)
"1968" in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975. Gespräche und Dokumente
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2008 (Archiv für Sozialgeschichte: Beiheft 26); 352 S.; hardc., 38,- €; ISBN 978-3-8012-4179-7„Der Kern dieser Bewegung war das Engagement für einige Ideale und Werte, von denen wir in dieser Zeit glaubten, dass sie die Essenz des Sozialismus ausmachten – Freiheit, Gleichheit, die Freiheit der Presse, das Recht auf einen Reisepass, das Recht auf Arbeit, das Recht auf ein würdevolles Leben,“ (68) sagt Djuro Kovačević, der von 1968 bis 1971 Präsident des jugoslawischen Studentenbundes war. Diese politische Stoßrichtung war sicher auch der Grund dafür, warum der regierende Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) als „wahrscheinlich [...] einzige regierende Partei weltweit [...] die globale Studentenbewegung trotz mancher Vorbehalte als grundlegende Bestätigung ihrer eigenen ideologischen und politischen Fundamente betrachtete“ (15), schreiben die Autoren, die an Promotionen zu diesem Themengebiet arbeiten. Die jugoslawischen Studentenproteste seien deshalb ein Sonderfall an der Schnittstelle zwischen den Protesten im Westen und den Reformbestrebungen im Osten (etwa in der Tschechoslowakei) gewesen. Zu den Ereignissen in Jugoslawien, die trotz der anfangs eingeschränkt positiven Haltung des BdKJ gleichwohl ein deutliches Zeichen für dessen irreparablen Legitimitätsverlust gewesen seien, haben die Autoren diesen umfangreichen und aufschlussreichen Materialband zusammengestellt und führen damit auf Quellenbasis gründlich in das Thema ein. Auf den ersten Teil mit einer einführenden Übersicht folgt ein zweiter mit zahlreichen Gesprächen, die Kanzleiter und Stojaković überwiegend selbst mit damaligen Akteuren geführt haben. Der dritte Teil umfasst zahlreiche Dokumente, u. a. das Parteiprogramm des BdKJ und die Anklageschrift von 1970 gegen Vladimir Mijanović, der seit 1969 ein wichtiger gewählter Studentenführer gewesen war. Mit diesem Dokument zeigt sich das wahre Gesicht des jugoslawischen Sozialismus, dessen Vertreter letztlich doch nur mit Repression auf die Proteste reagierten. Diese hatten allerdings trotzdem damals ungeahnte Folgen: Die früheren Aktivisten spielen in den heutigen Teilrepubliken „eine führende Rolle im öffentlichen und intellektuellen Diskurs“ (37).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.22 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Boris Kanzleiter / Krunoslav Stojaković (Hrsg.): "1968" in Jugoslawien. Bonn: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29241-1968-in-jugoslawien_34578, veröffentlicht am 03.02.2009.
Buch-Nr.: 34578
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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