Die langen Schatten

Aus den Rezensionen vom 18. August 2016

Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat jüngst bezweifelt, dass sich aus der Geschichte lernen lässt. Wichtig sei es daher, über die Vergangenheit aufzuklären, die Menschen dabei zu berühren und die Emotionen in Rationalität umzuwandeln. Ein weiteres Beispiel, wie dies nicht nur über das direkte Gespräch mit Zeitzeugen, sondern auch über Bücher gelingen kann, ist die neue Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Konzentrationslager, die der Historiker Nikolaus Wachsmann vorgelegt hat – neben Lagersystem und Täterhandeln stellt er die Opfer, die mit ihren Erfahrungen, Verhaltensweisen und Handlungsspielräumen als Menschen sichtbar werden. Die Bedeutung eines angemessenen Umgangs mit der Vergangenheit zeigt sich vor allem immer dann, wenn sich die Strategie des „kommunikativen Beschweigens“ (Hermann Lübbe) verbraucht hat. Die zögerliche Aufarbeitung der Tatsache etwa, dass Ärzte dem NS-Regime als Täter zur Hand gingen, wirft so kein gutes Licht auf die Bundesärztekammer, wie der Band „NS-Medizin und Öffentlichkeit“ illustriert. Mitunter kulminiert Beschwiegendes in einen Krach, der alle Beteiligten verletzt, so geschehen bei der Auseinandersetzung in der DVPW über den nach Theodor Eschenburg benannten Preis. Völlig missraten musste dagegen die persönliche Vergangenheitsbewältigung von Horst Mahler, der selbst die NS-Zeit nur als Kind erlebt hatte. Der Jurist oszillierte nach Ansicht seines Biografen Michael Fischer vor allem deswegen zwischen Links- und Rechtsradikalismus, weil er die diffus empfundene Schuld (der Deutschen) an den NS-Verbrechen nicht aufarbeiten, sondern abwehren wollte.

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Michael Fischer

Horst Mahler. Biographische Studie zu Antisemitismus, Antiamerikanismus und Versuchen deutscher Schuldabwehr

Karlsruhe: KIT Scientific Publishing 2015 (Europäische Kultur und Ideengeschichte. Studien 9); VIII, 529 S.; 43,- €; ISBN 978-3-7315-0388-0
Diss. Karlsruhe; Begutachtung: R.‑U. Kunze, H.‑P. Schütt. – Die erste politische Biografie über Horst Mahler, den früheren Linksterroristen und heutigen Rechtsextremisten, geht chronologisch vor und vermittelt viele neue Einsichten, weniger zu seinem Leben, mehr zu seiner politischen Ausrichtung und den Gründen dafür. Die mit vielen Belegen ausgestattete Studie verknüpft Mahlers Position mit dem Umgang mit der NS‑Vergangenheit. 1936 in Haynau/Schlesien geboren, war Mahler Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, Mitglied einer ...weiterlesen
Udo Wengst (Hrsg.)

Theodor Eschenburg. Biographie einer politischen Leitfigur 1904-1999

Berlin: De Gruyter/Oldenbourg 2015; 279 S.; 34,95 €; ISBN 978-3-11-040289-6
Der Name Theodor Eschenburg (1904–99) steht für eine der kontroversesten Debatten, die die deutsche Politikwissenschaft in jüngerer Vergangenheit ausgetragen hat. Im Kern dieser Debatte ging es um nichts weniger als die Aufrichtigkeit einer Identifikation mit der bundesrepublikanischen Demokratie, die sich über lange Jahre in dem hervorgetan hat, was Hermann Lübbe einmal als „kommunikatives Beschweigen“ (254) charakterisiert hat. Als einer der Begründer nicht nur der Politikwissenschaft, sondern auch der Politischen Bildung nach dem ...weiterlesen
Nikolaus Wachsmann

KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Berlin: Siedler Verlag 2015; 984 S.; geb., 39,99 €; ISBN 978-3-88680-827-4
Der Historiker Nikolaus Wachsmann legt eine umfassende Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Konzentrationslager vor. Er orientiert seine Studie an dem von Saul Friedländer geprägten Ansatz der ‚integrierten Geschichte‘ – die Welt der Opfer und Täter sowie die sie umgebende Gesellschaft werden in den Blick genommen und dabei die Mikro‑ sowie Makrogeschichte miteinander verbunden. Aus der Mikroperspektive fragt Wachsmann nach den Lebensbedingungen im Lager, den Strafmaßnahmen etc. sowie deren Veränderungen. Dabei ...weiterlesen