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Rezension / 27.01.2026

Philipp Staab: Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus

Berlin, Suhrkamp 2025

Woher kommen die massiven Widerstände gegen die ökologische Transformation? Der Soziologie Philipp Staab sieht einen zentralen Grund in den „Dissonanzen von System und Lebenswelten“: Viele Bürger*innen empfinden Steuerungsversuche des Staates als übergriffig und kämpfen für eine „Gegenwartsverlängerung“. Daher erzeuge die Aussicht auf Modernisierung keine ausreichende Legitimität mehr. Thomas Mirbach sieht in dem Buch eine „anregende“ Studie, in der die Bedeutung von Institutionen, Interessen und Akteuren aber zu kurz komme.

Eine Rezension von Thomas Mirbach

Eigensinnigkeiten der spätmodernen Lebenswelt blockieren die notwendige ökologische Transformation von Gesellschaft – so ließe sich, in zugegeben plakativer Formulierung, die durchgehende Argumentation der aktuellen Studie von Philipp Staab über „Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus“ zusammenfassen. In der damit umrissenen Perspektive richtet sich Staabs Fokus in erster Linie auf vorfindliche normative Orientierungen relevanter Gesellschaftsgruppen, eine eher nachgeordnete Rolle spielen das Handeln (bzw. Nicht-Handeln) politischer Eliten, die Interessenlagen wirtschaftlicher Akteure oder Systemimperative eines globalisierten Kapitalismus. Die in diesen Stichworten anklingende Gewichtung ist mit einer spezifischen konzeptionellen Ausrichtung verknüpft. Staab schließt mit seinen Überlegungen an die von Jürgen Habermas 1973 vorgelegte Krisentheorie[1] an und versteht seine Analysen als Versuch, „Habermas Theorie unter den Bedingungen der Gegenwart zu prüfen und zu erneuern“ (31). Die beabsichtigte Erneuerung – so wird sich zeigen – bezieht sich in der Hauptsache auf eine exponierte Deutung kultureller Reproduktionsmuster im neueren Kapitalismus.

Paradox der großen Transformation

Einleitend entwickelt Staab ein Panorama aktueller Krisenphänomene, an denen sich das strukturelle Scheitern ökologischer Transformationspolitik ablesen lasse (9 ff.). Als Reaktion auf die Folgen des Klimawandels habe Politik – beispielhaft hier die 2021 im Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP verkündeten Ambitionen – ein programmatisches Versprechen formuliert, das eine sozialverträgliche ökologische Modernisierung der Gesellschaft in Aussicht stellte. Die entsprechenden Schlagworte sind bekannt: systematische Dekarbonisierung, Ausbau erneuerbarer Energien, nachhaltige Erneuerung der Infrastruktur, Entwicklung innovativer Produktionsverfahren. Diese transformative Programmatik habe sich jedoch (nicht nur in Deutschland) als politischer Sprengstoff erwiesen. In den zum Teil rabiaten Protesten gegen den Rückbau fossiler Energien, vorsichtigen Ansätzen ökologischer Bodenpolitik und vor allem in der vehementen Kritik am Gesetz zur Erneuerung der Gebäudeenergieinfrastruktur manifestiere sich ein Widerstand, der sich nicht an möglichen Wirkungsdefiziten einzelner Instrumente abarbeitet, sondern schon das Ansinnen ökologischer Transformation als Zumutung zurückweist. Gemessen am harten Kriterium, „mittels einer mehrheitsfähigen Strategie politische Legitimität zu sichern“ (S. 193, Fn. 7), steuere Politik damit auf eine Systemkrise zu.

Dieser grundsätzliche Widerstand ist zweifellos erklärungsbedürftig, zumal wenn man berücksichtigt, dass in Umfragen dem Klimathema in der Regel durchaus hohe Bedeutung zugeschrieben werde[2]. Doch unter der Oberfläche derartig quantifizierter Befunde herrsche – so Staab – eine Dynamik, an die auch elaborierte klassen- oder kulturtheoretische Interpretationen nicht heranreichen (26 ff.). Die soziale Ontologie der ökologischen Frage artikuliere sich vielmehr gesellschaftsweit in einer Mentalität, die, getragen von einem fundamentalen Gefühl der Bedrohung, entschiedene Abwehr hervorrufe. Die Klimafrage habe den politischen Raum so verändert – leitende These der Überlegungen Staabs –, dass mit Blick auf mögliche Zukünfte ein defensiver Habitus dominiert. Im Fokus stehe jetzt die Fortsetzung der gewohnten Verhältnisse: „Nicht die transformative Zukunft, sondern Gegenwartsverlängerung bildet das eigentliche Motiv.“ (27).

Reformulierung der Habermasschen Krisentheorie

Habermas’ Diskussion von Legitimationsproblemen der ausgehenden 1970er-Jahre orientierte sich an einem Modell sozialer Evolution, das einerseits drei Dimensionen unterschied (Entfaltung der Produktivkräfte, Zunahme an Systemautonomie bzw. Macht, Veränderung normativer Strukturen)[3] und andererseits postulierte, dass für die Entwicklung von Gesellschaften nicht allein systemische Imperative (Ökonomie, Macht) ausschlaggebend seien. Die soziale Evolution verlaufe vielmehr – so heißt es explizit – „in den Grenzen einer Lebenswelt“[4], also den auf Werten und Institutionen beruhenden normativen Strukturen. Das politische System gerate damit in ein Dilemma: Die fiskalischen Ressourcen zur Sicherung von Massenloyalität durch sozialpolitische Kompensationen seien begrenzt, zumal dann, wenn sich auf Seiten des Wahlpublikums Erwartungen ausbilden, die mit systemkonformen Entschädigungen nicht mehr zufrieden gestellt werden könnten.[5] Auf Basis der seinerzeit verfügbaren empirischen Daten ging Habermas von einer Konstellation aus, die eine derartige Motivationskrise nahelegte und in den Aktivitäten einer emanzipatorisch orientierten Zivilgesellschaft deren Träger sah.

Staab folgt kategorial den krisentheoretischen Annahmen von Habermas – auch im aktuellen Kontext der Klimafrage sei die „Lebenswelt Quelle politischer Legitimationsprobleme“ (33), aber verglichen mit den späten 1970er-Jahren stünden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen heute „unter vollständig veränderten Vorzeichen“ (33). Das betreffe in erster Linie die Prägung kultureller Orientierungen, sie hätten ihren emanzipatorischen, mindestens latent systemtranszendierenden Impetus verloren, den man seinerzeit der 1968er-Generation und im Anschluss den neuen sozialen Bewegungen zusprechen zu können glaubte. Deren Transformation in eine Motivlage, die von Maximen der Selbsterhaltung dominiert werde, sei Folge des Übergangs des Spätkapitalismus in die mit dem Verlegenheitsterminus Spätmoderne charakterisierte gegenwärtige gesellschaftliche Formation (54).

Die ältere Krisentheorie hätte sich nicht vorstellen können, wie erfolgreich es in der Spätmoderne gelungen sei, Systemimperative und kulturelle Orientierungen zum „Neuen Geist des Kapitalismus“[6] zusammenzuführen, der vielfältige Bestrebungen nach individueller Autonomie aufnahm und „in ein Programm des Ausbaus marktzentrierter Selbstentfaltungschancen überführte“ (52). Eine Reformulierung der Habermasschen Krisentheorie müsse, so lässt sich Staab verstehen, einerseits die zeitdiagnostische Kritik am Neoliberalismus aufnehmen[7] und diese andererseits in einem politischen Raum zur Geltung bringen, der wesentlich von der sozialen Ontologie des Klimawandels geprägt sei.

Identitätskrise der Spätmoderne

Staab macht von dem Kontrast System/Lebenswelt einen recht großzügigen Gebrauch. Das zeigt sich auch an den Phänomenen, die für ihn eine Erosion der liberalen Prinzipien belegen, auf die sich der Spätkapitalismus noch legitimatorisch berufen zu können glaubte. Die damit angesprochenen immanenten Widersprüche des liberalen Gesellschaftsmodells sind vielfach diagnostiziert worden. Im Zentrum steht bekanntlich die Idee wachstumsbasierter Modernisierung, die auf Grundlage eines sozialpolitisch pazifizierten Klassenkonflikts kollektive Aufstiege – gemessen an Status, Einkommen, Bildung – für viele verhieß und so Massenloyalität mit der generalisierten Erwartung einer offenen, fortschrittlichen Zukunft verknüpfte[8]. Der Übergang in die Spätmoderne hat – namentlich im Zuge zunehmender Singularisierung (vgl. Reckwitz) – zunächst die Aufstiegsperspektiven individualistisch verengt und angesichts der ökologischen Frage „die ehemals als offen proklamierte Zeitlinie sukzessive geschlossen“ (67 f.). Konnte im Spätkapitalismus die Lösung offener sozialer Konflikte noch in jeweils anstehende Zukünfte verlagert werden, so dringen in der Spätmoderne Systemprobleme in Gestalt von Regulierungen und Anpassungsdruck unmittelbar „in unerwünschter Weise in den persönlichen Nahbereich ein und beschneiden dabei die Ellenbogenfreiheit der Individuen“ (71). Von einer Identitätskrise der Spätmoderne könne man, so Staab, in zweierlei Hinsichten sprechen. Die ökologische Krise lasse sich nicht mehr verteilungspolitisch lösen (77 f.) und deshalb werde die Logik politischer Konflikte im Sinne einer Sicherung vorhandener Bestände zunehmend als Kampf um individuelle bzw. gruppenbezogene Reproduktionschancen geführt.

Widersprüche des „grünen“ Kapitalismus

Mit Blick auf die fundamentalen Herausforderungen der Klimafrage seien die bisherigen Reparaturversuche des politischen Systems strukturell widersprüchlich und letztlich kontraproduktiv (81 ff.). Diese Kritik ist, zumal wenn sie wie hier nur in sehr pauschaler Form auf Ebene nationaler bzw. supranationaler Programme formuliert wird, sicher nicht überraschend. In wenigen Zügen zeichnet Staab die gezielte Reduktion der politischen Ansprüche der Umweltbewegung der späten 1970er-Jahre nach, die noch einen Zusammenhang zwischen ökologischer Krise und kapitalistischer Produktionsweise herstellte. Die unterschiedlichen aktuellen Spielarten eines „grünen“ Kapitalismus versuchten demgegenüber ökologische Störungen von Fragen der Produktionsweise zu trennen und auf sie mit primär technologischen Strategien zu reagieren. Das Postulat der „Technologieoffenheit“ kann zweifellos als paradigmatisch für diese Rahmung gelten, die keine Gegensätze zwischen Profitmaximierung und Nachhaltigkeit mehr sieht (85).

Das mit diesen Stichworten umrissene Profil eines „grünen“ Kapitalismus ist für Staab ein weiterer Beleg seiner zentralen These, Politik und politisches Verhalten seien heute gefangen in der Haltung der Gegenwartsverlängerung. Politik versuche nämlich auf diese Weise „die Versprechen der alten Ordnung [zu] erneuern“ (89) und mit technischen Mitteln und möglichst geringen Kosten die „für Wohlstandsgesellschaften des Westens dominante Lebensführung“ zu erhalten (90). Diese Transformationsstrategie führe unvermeidlich in zwei Widersprüche. In ökologischer Hinsicht müsse das proklamierte Ziel innovationsbasierter wirtschaftlicher Expansion scheitern, wenn „auch nur näherungsweise mit der grünen Erneuerung“ begonnen werde (91). In politischer Hinsicht aber seien die Reparaturversuche des „grünen“ Kapitalismus unglaubwürdig geworden, weil die manifesten Folgen der Klimakrise längst im Alltag der Menschen angekommen sind und sich an „einer auf die Beharrung gepolten kulturellen Sphäre“ brechen (96).

Aufstand der Lebenswelt?

Folgt man Staabs Analyse bis zu diesem Krisenszenario, dann wäre erklärungsbedürftig, warum sich relevante Gruppen der Wählerschaft so vehement gegen eine Politik wehren, die doch nur die „alte Ordnung“ zu konservieren verspricht. Die dahinter liegende Frage berührt erneut die Rivalität von klassentheoretischen – oder sagen wir vorsichtiger: ungleichheitsbezogenen – Perspektiven und kulturalistischen Ansätzen. Staab betont in diesem Zusammenhang die aus seiner Sicht offensichtlichen Grenzen einer klassentheoretischen Erklärung. Empirisch spreche das äußerst heterogene Spektrum politischen Protestes – die Bauernproteste in Deutschland und den Niederlanden, die Gelbwestenbewegung in Frankreich, die Kämpfe für eine Fortsetzung von Kohleförderung in Polen und den USA – für das Entstehen eines „antiökologischen Subjektes“ (103 ff.), das sich nicht mehr auf ökonomische Interessen abgrenzbarer sozialer Lagen zurückführen lasse. Was sich in diesen Phänomenen artikuliere, reiche viel tiefer und betreffe „Konsequenzen der spätmodernen Identitätskrise“ (110). Gewiss gingen von ihnen systemkritische Impulse aus, aber der Aufstand der „betroffene[n] Lebenswelten in der Spätmoderne“ kreise um „kulturelle Vorstellungen des richtigen Lebens“ (110), die jetzt jedoch als Schließung und Selbsterhaltung, statt als Öffnung und Selbstentfaltung ausbuchstabiert werden.

Auch wenn für diese sehr pointierte Deutung spricht, dass – wiederum vereinfachend formuliert – in klassentheoretischen Interpretationen antiökologischen Widerstands dessen affektive Grundierung in Gestalt von Verbitterung und fehlender Anerkennung vielfach ignoriert wird[9], so erscheint doch Staabs Resümee problematisch, man solle der im Singular titulierten Lebenswelt grosso modo einen Aufstand für einen „restaurativen Kapitalismus“ (121) zuschreiben.

Dass hier konzeptionell wie empirisch viel stärker differenziert werden müsste, lässt sich auch den von Staab referierten Befunden eines einjährigen, von ihm durchgeführten Forschungsprojektes entnehmen, das auf Basis von 72 qualitativen Interviews mit Beschäftigten „grüner“ Industriebranchen der Frage nachging, ob und in welcher Weise Vorhaben ökologischer Modernisierung auf Unterstützung stoßen (122 ff.). Selbst bei diesen qua Tätigkeit „Ökomodernen“ (131) fänden sich – bei allen Unterschieden der drei Subgruppen (den „Lebenswelten der Abwehr, des Kapitals und des Engagements“) – eher Haltungen von Apathie, Politikverdrossenheit und Ratlosigkeit, jedoch keine Hinweise auf eine entstehende kollektive Handlungsfähigkeit in Sachen Klimaschutz.[10] Aber verglichen mit dem restaurativen Aufbegehren derjenigen, die systemische Steuerungsversuche als illegitime Eingriffe in ihre Lebenswelt abwehren, ließen sich, so Staab, die Einstellungen der Ökomodernen eher als Zeichen einer Motivationskrise deuten (171).

Restaurative Modernisierung und politische Konfliktmuster

Versucht man die politischen Implikationen einzuschätzen, die sich aus Staabs Diagnose einer Identitätskrise der Spätmoderne ergeben, wäre es sicher hilfreich, ließe sich das Verhältnis der beiden Subtypen – Legitimations- oder Motivationskrise – auch empirisch genauer bestimmen. Eine Legitimationskrise würde nämlich dafür sprechen, dass eine ökonomische Abfederung von systemischen Eingriffen in Lebenswelten immer weniger dazu taugt, politisch Zustimmung für eine ökologische Modernisierung zu erreichen (vgl. 113). Aber ist diese Annahme wirklich plausibel, wenn man, wie auch Staab, zugleich Zeitdiagnosen einer „regressiven Moderne“[11] für zutreffend hält (vgl. 181 f.)? Diese Perspektive nämlich würde, ausgehend von den vielfältigen Befunden zunehmender sozialer Ungleichheit, doch eher klassentheoretische Argumentationen stärken[12] und die hohe soziale Selektivität in der Verteilung der Transformationskosten kritisieren.

Vielleicht um dem zu entgehen, neigt Staab dazu, den Gegensatz von System/Lebenswelt noch tiefer, im Sinne der Habermasschen Kolonialisierungsthese, anzusetzen. In der entwickelten Moderne drohten, so die Befürchtung von Habermas[13], ökonomische und administrative Systeme über die Medien Geld und Macht Lebenswelten derart zu dominieren, dass das Alltagsbewusstsein, weil zunehmend fragmentiert, den systemischen Zwängen nahezu schutzlos ausgeliefert sei. An diesen „kolonialisierte[n] Subjektivitäten“, so argumentiert Staab, lasse sich jetzt eine „Sezession der Lebenswelt ablesen“, die aber – im Unterschied zur These von Habermas – angesichts des „fortschreitenden Kolonialisierungsdrucks in Rebellion oder Passivität“ umschlage (179 f.).

Das sind zweifellos die beiden möglichen Extreme politischen Verhaltens, an denen sich Krisentheorien immer schon mit unterschiedlichen Antworten abgearbeitet haben. Und lässt man die Frage, ob in dieser Hinsicht heute eher Annahmen über Angst vor Statusverlust (Legitimationskrise), das Leiden am Sinnverlust (Motivationskrise) oder vielmehr wechselnde Überlagerungen beider Dimensionen ausschlaggebend sind, einmal offen, dann sind Staabs Schlussfolgerungen für aktuelle Verlaufsmuster politischer Konflikte anregend. Hier würde es sich allerdings anbieten, einen Aspekt zu berücksichtigen, der bei Staab zu sehr in den Hintergrund tritt, nämlich die überrepräsentative Verstärkung des antiökologischen Widerstands durch spezifische Medienaktivitäten und diese instrumentalisierende politische Akteure[14]. Mit Habermas könnte dieser Befund zunehmender Fragmentierung politischer Öffentlichkeit[15] auch als ein Signum der Identitätskrise der Spätmoderne verstanden werden und es wäre danach zu fragen, in welchen Formen Politik unter den Bedingungen der Klimakrise überhaupt noch Handlungsfähigkeit kommunizieren könnte.

Heute seien an die Stelle der Verfolgung programmatisch kohärenter, langfristiger Modernisierungspfade politische Projektionen getreten, bei denen Staab zwei defizitäre Modi unterscheidet (186 ff.). „Politiken maligner Projektion“ propagieren eine aggressive Verteidigung bestehender Lebensmodelle und erhoffen sich Zustimmung, indem sie die Selbsterhaltungsängste ihrer Anhänger*innen auf vermeintlich handhabbare Probleme verschieben. Im Kontext postfaschistischer Bewegungen fungieren bekanntlich die Themen Einwanderung und gesellschaftliche Vielfalt als wesentliche Treiber. Demgegenüber versprechen Politiken „kompensatorischer Projektion“ in erster Linie Entlastung ihrer potentiellen Wähler*innen von Anpassungszwängen durch Delegation von Entscheidungen an Expertise und Technologie. Dieser Modus begünstigt den Erfolg von politischen Unternehmern, die Handlungsfähigkeit unter Umgehung von demokratischen Prozeduren proklamieren.

Beide Modi sind erkennbar untauglich, zur Bewältigung der fundamentalen Herausforderungen der Klimakrise beizutragen; realistisch gesehen werden sie die Anpassungszwänge „weiter verschärfen […] und damit [den] Druck auf die ohnehin defensiven Lebenswelten“ (190). Angesichts dieser Tendenzen verändere sich die Dynamik des sozialen Wandels und mache „den politischen Raum anfällig für Kippmomente“, also für abrupte Veränderungen von Konstellationen (191). Unter diesen Bedingungen, so scheint es, werde die „Opportunitätsfähigkeit […] politischer Unternehmer“ zur Grundlage von Erfolg, und das könnte heißen, ein Angebot zu entwickeln, „das die Sehnsüchte der Abwehr und des Ausbruchs im richtigen Moment in eine konkrete Bewegung bündelt“ (191). 

Fazit

Philipp Staab hat eine anregende, aber auch zu Einwänden motivierende Analyse über Krisentendenzen des neoliberalen, flexiblen Kapitalismus vorgelegt. Inspirierend ist vor allem der Versuch, Habermas‘ frühe Studie über „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ als Deutungsrahmen der Gegenwart heranzuziehen und diese auf Basis einer Sichtung prominenter zeitdiagnostischer Deutungen unter theoretischen wie empirischen Gesichtspunkten zu aktualisieren. Auch wenn seine Interpretation gegenwärtiger Dissonanzen von System und Lebenswelten zuweilen übervereinfachend ausfällt und die Bedeutung von Institutionen, Interessen und Akteuren kaum beleuchtet wird, hat seine zentrale These Gewicht: Durch die Klimakrise hat sich der politische Raum so verändert, dass Versuche, die soziale Integration den Mechanismen systemischer Integration zu unterwerfen, aufgrund der Sezession der Lebenswelt scheitern müssen. Folgt man dieser Sicht, würde das aber erneut die Frage aufwerfen, auf Basis welcher Empirie klassentheoretische oder kulturalistische Ansätze spezifische Erklärungsleistungen beanspruchen können.


Anmerkungen:

[1] Habermas, Jürgen (1973): Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[2] Aktuell sind rund 70 Prozent der Meinung, Politik müsse noch viel mehr zur Bekämpfung des Klimawandels tun, vgl. Teichler, Nils; Groh-Samberg, Olaf; Gerlitz, Jean-Yves (Hrsg.) (2025): (Un)mögliche Transformation? Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Einstellungen zum Klimawandel in Deutschland. Zweiter Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Leipzig: Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

[3] Habermas: Legitimationsprobleme, S. 16

[4] Habermas:  Legitimationsprobleme, S. 27.

[5] Vgl. Habermas: Legitimationsprobleme, S. 104.

[6] Diese Deutung vertreten bekanntlich Boltanski, Luc; Chiapello, Ève (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

[7] Exemplarisch verweist Staab auf die Studien von Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp; Streeck, Wolfgang (2013): Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp; Fraser, Nancy (2017): Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus. In: Geiselberger, Heinrich (Hg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Berlin Suhrkamp, S. 77 – 91.

[8] Eine kritisch abwägende Diskussion dieser Aspekte vertritt Dahrendorf, Ralf (1994): Der moderne soziale Konflikt. Essay zur Politik der Freiheit. München: DTV.

[9] Vgl. Beck, Linda; Westheuser, Linus (2022): Verletzte Ansprüche. Zur Grammatik des politischen Bewusstseins von ArbeiterInnen, in: Berliner Journal für Soziologie 32 Jg., Heft 2, S. 279–316; Haffert, Lukas (2025): Mehr oder weniger. Konservatismus, Technologieoffenheit und der Stadt-Land-Gegensatz,  in: Leviathan, 53. Jg., Heft 3, S. 321 – 341.

[10] Auf der Ebene latenter Einstellungsmuster unterscheidet der Zweite Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) fünf Klimaeinstellungstypen, von denen lediglich die Ablehnenden (8 Prozent) und die Indifferenten (25 Prozent) dem von Staab hervorgehobenen „antiökologischen Subjekt“ entsprechen würden, vgl. Teichler u.a. (2025): S. 30 ff..

[11] Vgl. Nachtwey, Oliver (2016): Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

[12] Einen aktuellen Vorschlag formulieren Westheuser, Linus; Mau, Steffen; Lux, Thomas (2025): Das Klima der Ungleichheit. Zur sozialen Struktur von Klimakonflikten, in: Berliner Journal für Soziologie 35 Jg. Heft 2, S. 339–354.

[13] Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2. Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 516 ff.

[14] Diesen Effekt betonen zu Recht Teichler u.a. (2025): S. 124 f.

[15] Vgl. Habermas, Jürgen (2022): Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin: Suhrkamp.



DOI: 10.36206/REZ26.3
CC-BY-NC-SA