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/ 04.06.2013
Jelle Visser / Anton Hemerijck

Ein holländisches Wunder? Reform des Sozialstaates und Beschäftigungswachstum in den Niederlanden. Aus dem Englischen von Sylvia Streeck

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 1998 (Schriften des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung 34); 272 S.; kart., 48,- DM; ISBN 3-593-35995-2
In den frühen 80er Jahren galten die Niederlande mit Rezession, stagnierender Produktivität, Reallohnverlusten und Arbeitslosenquoten bis zu 14 % als krasser Problemfall unter den OECD-Staaten. Mitte der 90er Jahre sprechen nicht nur die beiden Autoren vom "holländischen Wunder"; die Niederlande weisen seit rund zehn Jahren in allen relevanten wirtschaftlichen Indikatoren durchgehend positive Entwicklungen auf. Auch wenn man diese Erfolgsbilanz - mit der Autorin und dem Autor - angesichts der schwachen Leistungen der anderen Länder relativieren und den gegenwärtigen Zustand "annähernder Teilzeit-Vollbeschäftigung [...] nur als zweitbeste Lösung" akzeptieren sollte (25), bleibt die niederländische Entwicklung von hohem systematischem Interesse. Sie steht nämlich für die Möglichkeit einer Modernisierung des kontinentaleuropäischen Wohlfahrtsstaates ohne die sozialen Standards auf ein "amerikanisches" Niveau zurückzuschneiden (239 ff.). Ein derartiger Modernisierungspfad kann nur beschritten werden - so die grundlegende These der Autoren -, wenn die Governance-Strukturen politisches Lernen und einen an Problemlösungen orientierten Politikstil ermöglichen (70 ff., 87 ff.). Näher besehen beruhte das "holländische Wunder" auf der korporatistischen Verfassung der Wirtschaft und einem Staat, der Verhandlungs-Blockaden durch Entscheidungen zu überwinden bereit ist. Beide Komponenten haben sich schon seit der Krise der 80er Jahre so glücklich ergänzt, daß drei ineinander verzahnte Systemprobleme sequentiell "abgearbeitet" werden konnten: wirtschaftliche Anpassung durch gewerkschaftliche Lohnzurückhaltung (111 ff.), Reform der sozialen Sicherung (159 ff.), schließlich die Institutionalisierung einer aktiven Arbeitsmarktpolitik (207 ff.). Insgesamt lohnt die Lektüre des Buches aus zwei Gründen: Es bietet einen empirisch orientierten Beitrag zur Korporatismus-Debatte und gerade darin demonstriert es die Leistungsfähigkeit sozialwissenschaftlicher Erklärungen angesichts der immer noch von Ökonomen dominierten Literatur über Beschäftigungsprobleme. Inhaltsübersicht: 1. Wie erklärt man ein Wunder?: 1.1 Begrenzter Erfolg inmitten einer europäischen Malaise und nach trostloser Vergangenheit; 1.2 Auf der Suche nach Erklärungen; 1.3 Drei verwandte Politikbereiche; 1.4 Das Dilemma moderner Wohlfahrtsstaaten; 1.5 Lohnzurückhaltung, Reform des Sozialstaates und Aktivierung des Arbeitsmarktes. 2. Wunder oder Illusion? Beschäftigungswachstum und Entwicklungen am Arbeitsmarkt: 2.1 Beschäftigung, Zunahme der Erwerbsbevölkerung und Arbeitslosigkeit; 2.2 Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt; 2.3 Langzeitarbeitslosigkeit und Problemgruppen; 2.4 Ältere Arbeitnehmer; 2.5 Entmutigte Arbeitnehmer; 2.6 Niedriglöhne und Ungleichheit der Einkommen; 2.7 Armut; 2.8 Politische Maßnahmen. 3. Reformen des Wohlfahrtsstaates, Institutionentheorie und gesellschaftliches Lernen: 3.1 Stärken und Schwächen institutioneller Analyse; 3.2 Institutioneller Wandel und politisches Lernen. 4. Politisches Lernen im Korporatismus: 4.1 Die Rückkehr des Korporatismus; 4.2 Korporatismus, Staat und Gesellschaft; 4.3 Korporatismus und Politikstil; 4.4 Die institutionelle Logik korporatistischer Steuerung; 4.5 Hypothesen über politisches Lernen im Korporatismus. 5. Wiedergewonnener Korporatismus: Externe Anpassung und gewerkschaftliche Lohnzurückhaltung: 5.1 Die Gewerkschaften; 5.2 Arbeitgeberverbände; 5.3 Konsultationen; 5.4 Flexible Anpassung und Korporatismus; 5.5 Erfolg und Scheitern einer Niedriglohnstrategie; 5.6 Probleme einer Hochlohnökonomie; 5.7 Korporatismus ohne Konsens; 5.8 Der Weg nach Wassenaar; 5.9 Die Reaktion auf Wassenaar; 5.10 Arbeitsplätze für Löhne - Ein nicht zustande gekommener Tausch; 5.11 Ein neuer "Schatten der Hierarchie". 6. Gebremster Korporatismus: Das Ende der "Sozialen Sicherung ohne Arbeit": 6.1 Ein Sonderweg in tiefer Krise; 6.2 Entwicklung des Wohlfahrtsstaates: Die Kontrollen versagen; 6.3 Vom Wachstum zur Krise; 6.4 Zurückschneiden des Wohlfahrtsstaates: Politik der kleinen Schritte; 6.5 Die Krise der sinkenden Erwerbsbeteiligung; 6.6 Der Buurmeijer-Ausschuß; 6.7 Das "violette" Paradox. 7. Abgebrochener Korporatismus: Der windungsreiche Weg zu einer aktiven Arbeitsmarktpolitik: 7.1 Späte Einsichten; 7.2 Sinkende Ansprüche; 7.3 Ein dahindämmerndes Staatsmonopol; 7.4 Auf der Suche nach einer tripartistischen Lösung; 7.5 Die anhaltende institutionelle Schwäche der Arbeitsmarktpolitik; 7.6 Zusätzliche Beschäftigungsprogramme. 8. Lehren aus dem holländischen Beispiel.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2622.612.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jelle Visser / Anton Hemerijck: Ein holländisches Wunder? Frankfurt a. M./New York: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5347-ein-hollaendisches-wunder_7017, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 7017 Rezension drucken
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