/ 22.06.2013
Der Holocaust in der polnischen Erinnerungskultur
Anna Wolff-Powęska / Piotr Forecki (Hrsg.)
Der Holocaust in der polnischen Erinnerungskultur
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2012 (Geschichte, Erinnerung, Politik 2); 421 S.; geb., 59,80 €; ISBN 978-3-631-60787-9Der Umgang mit dem Holocaust ist auch in Bezug auf Polen mit zahlreichen erinnerungs- und geschichtspolitischen Auseinandersetzungen verbunden. In 22 überwiegend aus dem Polnischen übersetzten Beiträgen werden die Entwicklungen in der polnischen Erinnerungskultur nach 1945 diskutiert, wobei die Untersuchungen für die Perioden vor und nach 1989 meist unverbunden nebeneinander stehen und hauptsächlich innerpolnische Debatten nachgezeichnet werden. Für das deutsch-polnisch-jüdische Beziehungsgeflec...
Anna Wolff-Powęska / Piotr Forecki (Hrsg.)
Der Holocaust in der polnischen Erinnerungskultur
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2012 (Geschichte, Erinnerung, Politik 2); 421 S.; geb., 59,80 €; ISBN 978-3-631-60787-9Der Umgang mit dem Holocaust ist auch in Bezug auf Polen mit zahlreichen erinnerungs- und geschichtspolitischen Auseinandersetzungen verbunden. In 22 überwiegend aus dem Polnischen übersetzten Beiträgen werden die Entwicklungen in der polnischen Erinnerungskultur nach 1945 diskutiert, wobei die Untersuchungen für die Perioden vor und nach 1989 meist unverbunden nebeneinander stehen und hauptsächlich innerpolnische Debatten nachgezeichnet werden. Für das deutsch-polnisch-jüdische Beziehungsgeflecht kann mit Herausgeberin Wolff-Powęska von einer besonders „dramatischen Schicksalsgemeinschaft“ (9) ausgegangen werden. Mit dieser Feststellung gehen einige erinnerungskulturelle Herausforderungen einher: die Ungleichzeitigkeit nationaler Erinnerungskulturen sowie die Konfrontation von privaten Erinnerungen und öffentlichen Geschichtsbildern etwa. Deutlich wird dies in der Auseinandersetzung von Jerzy Jedlicki mit dem Themenkomplex „Schuld und Verantwortung“. Er befasst sich u. a. mit dem für die polnische Volksrepublik typischenOpfer- und Widerstandsnarrativ, welches eigene Schuldhaftigkeit – etwa in fortgesetzten antisemitischen Tendenzen nach 1945 – überdeckte. Für die Zeit nach der politischen Wende wird dann die Bedeutung des Chiffres „Auschwitz“ als Bezugspunkt nicht nur für das Leiden der Juden, sondern auch „für die Leiden anderer ethnischer und nationaler Gruppen“ (17) deutlich, die Wolff-Powęska als eine wichtige Ergänzung der polnischen Perspektive betrachtet. Demgegenüber kritisiert Alina Cała eine Fortschreibung des „polnischen“ und des „jüdischen Märtyrermythos“, die heute nach wie vor weitgehend unverbunden nebeneinander stehen. Bartłomiej Krupa wiederum konstatiert für die Zeit nach 1989 zwei partiell gegenläufige Rezeptionsprozesse: eine Abkehr von der nostalgischen Darstellung einer „polnischen-jüdischen Koexistenz“ einer- und die „Internalisierung des Holocaust“ (197) in der Hervorhebung der Unterstützung von verfolgten Juden durch Polen andererseits. Ob sich diese und andere Erinnerungsmuster vollkommen integrieren lassen, bleibt abzuwarten.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Anna Wolff-Powęska / Piotr Forecki (Hrsg.): Der Holocaust in der polnischen Erinnerungskultur Frankfurt a. M. u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35302-der-holocaust-in-der-polnischen-erinnerungskultur_42522, veröffentlicht am 02.08.2012.
Buch-Nr.: 42522
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
CC-BY-NC-SA