/ 21.06.2013
Birand Bingül
Kein Vaterland, nirgends
München: Droemer 2008; 239 S.; 16,95 €; ISBN 978-3-426-27453-8„Fünf Millionen Menschen sind jüngst aus der Mitte der Gesellschaft abgestiegen. Das hat es nach dem Krieg noch nie gegeben in Deutschland“ (17), schreibt der Journalist Bingül und nimmt diesen Befund zum Ausgangspunkt seiner Analysen über den Zusammenhang von Ausgrenzung, Integration und Identität. Als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geboren, liegt dem Autor dieses Thema besonders am Herzen. Er möchte mit seinem Buch den Blick dafür schärfen, dass Ausgrenzung nicht nur die üblichen Randgruppen betrifft, sondern quer durch alle Schichten geht. Hierfür führt er zahlreiche Beispiele an – darunter die Ungleichheit im deutschen Schulsystem, die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Situation von Zugewanderten und älteren Arbeitslosen. Er bezieht sich dabei auf einschlägiges statistisches Material sowie auf Erkenntnisse aus sozialwissenschaftlichen Studien über den Zustand der deutschen Gesellschaft. Diese sei von einem schleichenden Zerfall bestimmt. Jahrelang habe Ausgrenzung als Herrschaftsinstrument, als Garant für stabile Verhältnisse gut funktioniert. Doch je größer die Gruppe der Ausgegrenzten wird, desto massiver steigen die Probleme um den sozialen Zusammenhalt. Das Thema Ausgrenzung und Integration wird „zur nationalen Frage“, schreibt Bingül und weist auf den eigentlichen Kern des Problems hin: „Wir sind nach wie vor nicht fähig, für das eigene Land ein gesellschaftlich verbindliches (und einbindendes!) Selbstverständnis zu benennen. Daher scheitern wir daran, einen wirklich integrationsfähigen Staat zu entwickeln. [...] Kein Vaterland, nirgends, das ein echtes Wir-Gefühl erzeugte.“ (22) Integration und ein neues nationales Selbstverständnis müssten sich wechselseitig entwickeln. „Sie sind zwei Seiten derselben Medaille.“ (152) Der Schlüssel hierzu sei Bildung für alle. Bildung sei ein hoch integratives Identitätsthema, das das Klima in Deutschland wie kein anderes treffe.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Birand Bingül: Kein Vaterland, nirgends München: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29924-kein-vaterland-nirgends_35459, veröffentlicht am 02.07.2009.
Buch-Nr.: 35459
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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