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/ 21.06.2013
Irene Götz

Deutsche Identitäten. Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989

Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2011 (alltag & kultur 14); 386 S.; brosch., 49,90 €; ISBN 978-3-412-20224-8
Habilitationsschrift HU Berlin. – Autokorsos krönten viele Sportereignisse der vergangenen Jahre. Diese nächtlichen Umzüge schwarz-rot-goldenen Gemeinsinns machten alle mit, die schwäbische Hausfrau und der türkische Gemüsehändler. Dabei scheinen Globalisierung und europäische Integration „das Nationale“ zurückzudrängen. Irene Götz erklärt in ihrer Studie diese scheinbaren Gegensätze: Die schwindende Einigkeit der Deutschen über ihr Wertefundament („Leitkultur oder Leitwerte?“, 216) führe zu einer Inszenierung der Gedächtnisgemeinschaft, die freilich keine nationalistische Form, sondern Event-Charakter annehme. Eine besondere Bedeutung misst die Volkskundlerin, deren Stil teils verschraubt wirkt, bundesrepublikanischen Jubiläen bei. Daher verwundert manches distanzierte Anführungszeichen – warum ist die Bundesrepublik eine „Erfolgsgeschichte“ (178)? Die Frage nach dem Kern der Identität beantwortet Götz nicht – warum etwa erzeugen Fahnen abseits des Sports keine Hochstimmung? Teilen Deutsche, die in eine andere Weltgegend ziehen, Werte der als neu firmierenden Identität? Ein reizvolles Puzzle aber liefern Götz’ biografische Interviews aus den 1990er-Jahren, die Rückbezüge zur Kulturnation und eine veritable Xenophilie offenbaren (diese ist nicht neu, wie Mozarts Faible für alles Orientalische und Kaiser Wilhelms II. für osmanische Uniformen zeigen). Das „geläuterte Nationalbewusstsein“ (104) der Deutschen lässt also Vielfalt zu. Mehrere ostdeutsche Positionen (299, 312, 319) vermitteln zudem den Eindruck, die „Ossis“ hätten Nachholbedarf in Sachen nationaler Identität. Ein Veto ist angebracht: Die willfährig verwässerte westdeutsche Identität, teils „normative Verwestlichung“ genannt, kontrastiert mit der stärker am älteren Bildungskanon orientierten ostdeutschen (ein doppelter Reflex der Dissidenz und der Abgrenzung vom sowjetischen Einfluss). Bis heute wirkt diese Instrumentalisierung nationaler Motive nach. Luther und die preußischen Reformer sind aber keine frühen Künder des Sozialismus mehr, sondern Kondensationskerne einer Patchwork-Identität. Wenn dann noch neben „Ost“ und „West“ Kategorien wie „Einheimische“ und „Zuwanderer“ (348) treten, verschwimmen die Frontlinien – es zieht Normalität ein.
Sebastian Liebold (LIE)
Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.35 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Liebold, Rezension zu: Irene Götz: Deutsche Identitäten. Köln/Weimar/Wien: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29457-deutsche-identitaeten_34859, veröffentlicht am 12.10.2012. Buch-Nr.: 34859 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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