/ 21.06.2013
Stefan Bollinger
1968 – die unverstandene Weichenstellung
Berlin: Karl Dietz Verlag 2008 (Rosa-Luxemburg-Stiftung: Texte 44); 142 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 978-3-320-02138-2Es gehöre zum westdeutschen Zeitgeist, das Phänomen 1968 als erledigt zu betrachten; bestenfalls tauge es als Erinnerung. Deren „Lieblingsgleichung“ lautet: „APO = RAF = Sozialismus = Stalinismus = Totalitarismus = Terrorismus. Da interessiert nicht, ob es sich um berechtigte Ziele einer sozialen Bewegung oder deren Pervertierung durch eine Gruppe politischer Abenteurer handelte“ (13), schreibt Bollinger und wendet ein, dass ein Messen an heutigen Maßstäben nicht reiche, um die Ereignisse zu verstehen. Vielmehr gelte es, „die Erinnerungen an dieses Jahr und seine Nah- und Fernwirkungen zu historisieren“ (9). Es geht ihm darum, die „fundamentalen ökonomischen und sozialen Brüche“ aufzudecken, „die 1968 erst ermöglichten – und die das Scheitern jener vorprogrammierten, die revoltierend oder reformierend es wagten, Veränderungen einzufordern“ (20). Bollinger nimmt 1968 als Chiffre für den Zeitraum von Anfang der 60er- bis zum Wiederaufleben der Umwelt- und Friedensbewegung in den 70er-Jahren. Einen wesentlichen Auslöser sieht er in der damals aufkommenden Wissenschafts- und Technologierevolution und der damit verbundenen „Entfremdung aller gesellschaftlichen Verhältnisse“ (34). In Anlehnung an Wallerstein versteht Bollinger die damalige Auf- und Umbruchphase als Weltrevolution und zeichnet aus dieser Perspektive die Ereignisse und Zusammenhänge der verschiedenen Bewegungen in Ost und West sowie in wichtigen Zentren der sogenannten Dritten Welt nach. Zu komplex und unterschiedlich waren die Schauplätze, die Diskussionen und das Handeln der Akteure, als dass die Tragweite dieser Bewegung den Beteiligten bewusst geworden wäre. Bollinger liefert mit seiner Streitschrift einigen Stoff zur Diskussion darüber, ob 1968 für neue emanzipatorische Ansätze taugt.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23 | 2.331 | 2.35 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Stefan Bollinger: 1968 – die unverstandene Weichenstellung Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29401-1968--die-unverstandene-weichenstellung_34783, veröffentlicht am 07.11.2008.
Buch-Nr.: 34783
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