/ 03.06.2013
Friedrich-Martin Balzer / Christian Stappenbeck (Hrsg.)
Sie haben das Recht zur Revolution bejaht. Christen in der DDR. Ein Beitrag zu 50 Jahre "Darmstädter Wort"
Bonn: Pahl-Rugenstein Nachfolger 1997; 369 S.; hardc., 36,- DM; ISBN 3-89144-225-4Das "Darmstädter Wort" des Bruderrates der Bekennenden Kirche vom August 1947 stellte zugleich ein Schuldbekenntnis und eine theologische Wegweisung dar. Die Erklärung stieß in weiten Kreisen der evangelischen Kirche auf entschiedene Ablehnung, während sie andererseits Theologen und Christen verschiedenster Richtungen als gemeinsamer Bezugspunkt diente, den Aufbau des DDR-Sozialismus bewußt zu unterstützen. Das Wort des Bruderrates richtete sich zunächst gegen eine Glorifizierung der Bekennenden Kirche als Widerstandsbewegung im NS-Staat: "Wir haben das Recht der Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen." (362) Die geistliche Führung der Bekennenden Kirche (nicht nur der Deutschen Christen) entstammte mehrheitlich einer national-konservativen Tradition, die bereits den Weimarer Staat als kirchenfeindliches, instabiles Gebilde abgelehnt hatte und nun dem antichristlichen Kommunismus in der Ostzone mit einem entschiedenen christlichen Antikommunismus entgegentrat. Hingegen versuchte das "Darmstädter Wort" mit Bezugnahme auf den Marxismus an den seelsorgerischen und sozialen Auftrag der Kirche zu erinnern: "Wir sind in die Irre gegangen, als wir übersahen, daß der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde für das Leben und Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen." (362 f.) Der Band präsentiert Beiträge und Dokumente dreier Theologen, die gemeinhin zu den systemkonformen, "progressiven" Christen in der DDR gezählt werden: Kleinschmidt, bereits vor 1933 Mitglied des Bundes der Religiösen Sozialisten, Schweriner Domprediger und bis zu seinem Tod (1978) SED-Mitglied; Müller, bis 1990 Professor an der Berliner Humboldt-Universität, Mitglied des Friedensrates der DDR; Wendelborn, (Ost-)CDU-Funktionär. Die Texte aus verschiedenen Jahrzehnten erhellen die durchaus kontroversen theologischen und praktischen Begründungszusammenhänge, die eine nicht geringe Zahl von Christen in der DDR zu einem bewußten Engagement für ihr "sozialistisches Vaterland" bewogen haben, was in einigen Fällen dann auch bis zur bereitwilligen Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit reichte. - Den Beiträgen der drei Autoren ist jeweils eine Kurzbiographie vorangestellt und ein Verzeichnis der Veröffentlichungen beigefügt.
Inhalt: Karl Kleinschmidt: Bürger der DDR seit drei Jahrzehnten (14-16); Irrwege und Arbeitereinheit (17-19); Kirchenkampf und Widerstand (20-110). Hanfried Müller: Der Christ in Kirche und Staat (120-136); Die Begegnung evangelischer Theologie mit dem historisch-dialektischen Materialismus (137-240); Von der Verantwortung der Christen in der DDR (241-253). Gert Wendelborn: Charta der Neuorientierung - Die Rezeption des "Darmstädter Wortes" heute (264-271); Luthers Wort und Werk als Hilfe für eine sach- und zeitgemäße christliche Existenz (272-280); Die Neubesinnung über rechte christliche Existenz im Sozialismus unter Christen in der DDR (281-308); Die evangelischen Kirchen in der DDR (309-345). Wort des Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum politischen Weg unseres Volkes (362-363).
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 2.23 | 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Friedrich-Martin Balzer / Christian Stappenbeck (Hrsg.): Sie haben das Recht zur Revolution bejaht. Bonn: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3395-sie-haben-das-recht-zur-revolution-bejaht_4472, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 4472
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Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
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