/ 11.06.2013
Brigitte Sauzay
Retour à Berlin. Ein deutsches Tagebuch. Einleitung von Richard von Weizsäcker. Aus dem Französischen von Frauke Rother
Berlin: Siedler Verlag 1999; 336 S.; geb., 39,90 DM; ISBN 3-88680-668-5Wahrscheinlich ist es sehr französisch, Reflexionen über ein anderes Land, das Alltagsleben dort, den Zusammenhang zwischen Gegenwart und geschichtlichem Hintergrund unentwegt mit dem Ausweis der eigenen literarischen Bildung anzureichern; und wahrscheinlich ist es sehr deutsch, auf solch demonstratives Bildungsbürgertum alsbald mit Überdruß zu reagieren. Aber bei einem Buch, das angesichts der gemeinsamen Aufgabe "Europa" den nach wie vor bestehenden nationalen Eigenheiten und Differenzen nachspürt, muß es auch erlaubt sein, sich den tatsächlich vorhandenen Unterschieden gemäß zu verhalten, so, wie es auch die Autorin tut. Dieser ist der deutsche Föderalismus eher Hemmnis denn Bereicherung, wenn sie ihn am französischen Zentralismus mißt; und daß der Bundesrat nicht als Blockadeinstrument der Opposition gegenüber der Bundespolitik, sondern als gemeinsame Ländervertretung gedacht war, erschließt sich ihr nicht. Auf der anderen Seite registriert sie sehr sensibel die atmosphärischen Störungen, denen die Beziehungen West- und Ostdeutschlands nach wie vor unterliegen, und sie weiß manches Phänomen - hier bewundert man wieder die historische Bildung - auf geschichtliche Wurzeln zurückzuführen, die die Gegenwart als späte Frucht eines früh gelegten Keims erkennbar werden lassen. So sieht sie beispielsweise sehr wohl das Luziferische an dem deutschen Fall in die Barbarei, die "Himmelsstürmerei, diese Vertrautheit mit den Höhen", die dem Sturz in den Abgrund vorangegangen war: "Nur der größte Erzengel konnte so tief fallen." (183)
Die Lage ihres Instituts (das Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa) in der Mark Brandenburg ermöglicht Sauzay einen privilegierten Zugang zu ostdeutscher Befindlichkeit - und zum seiner Güter beraubten deutschen Adel, dem sie als Französin spürbar mehr Bedeutung zumißt, als ihm von den eigenen Landsleuten zuerkannt wird. Ihre Zuneigung zu Deutschland versucht Sauzay für eine Bündnispartnerschaft gegen einen Dritten zu nutzen: Sie plädiert für eine Rückbesinnung der beiden Völker auf ihre "gemeinsamen europäischen Ursprünge", um so besser "den Sirenengesängen des angelsächsischen Materialismus [...] widerstehen" (265) zu können.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.3 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Brigitte Sauzay: Retour à Berlin. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9938-retour--berlin_11718, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11718
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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