/ 19.03.2015
Private Vorsorge als Illusion
Ingo Bode / Felix Wilke
Private Vorsorge als Illusion. Rationalitätsprobleme des neuen deutschen Rentenmodells
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014; 317 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-50214-4Die 1957 begründete Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) stellte lange Zeit eine stabile Größe des deutschen Wohlfahrtsstaates dar. Einen grundlegenden Paradigmenwechsel brachten die Riester‑Reformen zu Beginn des neuen Jahrtausends, die zu einer Teilprivatisierung der Alterssicherung führten, wie die Autoren eingangs darlegen. Nach mehr als einem Jahrzehnt seit der Einführung des Mehrsäulenmodells, bestehend aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Alterssicherung, blicken Ingo Bode und Felix Wilke auf den Prozess der Transformation zurück...
Ingo Bode / Felix Wilke
Private Vorsorge als Illusion. Rationalitätsprobleme des neuen deutschen Rentenmodells
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014; 317 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-50214-4Die 1957 begründete Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) stellte lange Zeit eine stabile Größe des deutschen Wohlfahrtsstaates dar. Einen grundlegenden Paradigmenwechsel brachten die Riester‑Reformen zu Beginn des neuen Jahrtausends, die zu einer Teilprivatisierung der Alterssicherung führten, wie die Autoren eingangs darlegen. Nach mehr als einem Jahrzehnt seit der Einführung des Mehrsäulenmodells, bestehend aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Alterssicherung, blicken Ingo Bode und Felix Wilke auf den Prozess der Transformation zurück. Im Mittelpunkt stehen die Praxis der staatlich geförderten Eigenvorsorge und die Entwicklungen, die zu dieser Reform geführt haben. Dieses Modell der Eigenvorsorge basiere, so die Ausgangsthese, auf Vorstellungen und Annahmen, die in der Realität nicht gegeben seien. Das deutsche Rentenmodell sei „auf Sand gebaut“ (12) und unterliege einer dreifachen – politischen, ökonomischen und sozialen – Illusion, schreiben die Autoren und erörtern dies umfassend in den drei Hauptkapiteln des Buches. Erstens analysieren sie die öffentliche Debatte zur Alterssicherung und kommen zu dem Ergebnis, dass die Rentenreform nicht einer kollektiven politischen Vernunft, sondern der „Diskurshoheit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen“ (45) gefolgt sei. Außerdem fehle der neuen Rentenpolitik „ein überzeugendes Visier“ (97). Zweitens hinterfragen die Autoren die scheinbare Alternativlosigkeit der vorgenommenen Teilprivatisierung und legen die Risiken von Kapitaldeckungsverfahren offen. Drittens, und hier liegt der Schwerpunkt der Autoren, geht es um die soziale Praxis der privaten Vorsorge, zu der Bode und Wilke eine eigene empirische Studie durchgeführt haben. Dabei zeigt sich, dass die im Rentenmodell implizite Vorstellung, die Bürger_innen würden auf dem privaten Vorsorgemarkt rational und zielgerichtet agieren, „auf einer Sozialillusion beruht“ (281). Vielmehr unterliegt die Vorsorgepraxis einer enormen Unübersichtlichkeit und Überforderung des Einzelnen, der bei seiner Entscheidung auf die Kommunikation mit dem persönlichen Umfeld und insbesondere mit Kapitalanlageberatern angewiesen ist. Insgesamt, so das wenig hoffnungsvolle Fazit, erweist sich „ein ‚welfare mix’ der Alterssicherung, der eine Vollversorgung zukünftiger Rentnergenerationen gewährleisten wird, […als] Luftschloss“ (286).
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Rubrizierung: 2.342 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Ingo Bode / Felix Wilke: Private Vorsorge als Illusion. Frankfurt a. M./New York: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38185-private-vorsorge-als-illusion_46301, veröffentlicht am 19.03.2015. Buch-Nr.: 46301 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA