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/ 21.06.2013
Klaus Kukuk (Hrsg.)

Prag 68. Unbekannte Dokumente

Berlin: edition ost 2008; 288 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 978-3-360-01094-0
In diesem Buch wird eine Interpretation des Prager Frühlings vorgenommen, die die Argumentation des damaligen sowjetischen Partei- und Staatschefs Breschnew aufgreift – dieser hatte zwei Tage nach dem militärischen Eingreifen die tschechoslowakischen Reformer als „antisozialistische“ (238) Kräfte eingeordnet und damit die Invasion gerechtfertigt. Auch der DDR-Historiker und ehemalige Diplomat Horst Schneider unterstellt in seinem Vorwort zu dieser Dokumentensammlung, dass es Dubček und seinen Mitstreitern keineswegs um eine Reform des Sozialismus gegangen sei, sondern um die Wiederherstellung des Kapitalismus. Außerdem findet es Schneider völlig überflüssig, dass sich in einer Regierungserklärung Lothar de Maizière im April 1990 bei der Tschechoslowakei für eine Mitschuld der DDR für die Niederschlagung des Pragers Frühlings entschuldigte. Die DDR habe dort weder „gesündigt noch an den dort lebenden Völkern Unrecht begangen“ (26). Eines der publizierten Dokumente belegt aber die Teilnahme der DDR an einem Treffen der im Warschauer Vertrag verbündeten Länder, „an dessen Ende die Zustimmung ‚zur Gewährung augenblicklicher militärischer Hilfe für die sozialistische Tschechoslowakei’ stand“ (197). Aus Prager Archiven zusammengetragen und übersetzt wurden die insgesamt 20 Dokumente von dem ehemaligen DDR-Diplomaten Kukuk. Am Anfang dieser Zusammenstellung stehen einige (leider nur kurze) Auszüge aus einer Studie, die 1966 im Auftrag der KPTsch erstellt und in der auf aktuelle strukturelle Probleme in der Wirtschaft hingewiesen wurde, die dringend zu lösen seien, um die weitere Entwicklung nicht zu gefährden. Den Abschluss bildet das Moskauer Protokoll vom 26. August 1968, in dem die tschechoslowakische und sowjetische Seite „zum unversöhnlichen Kampf gegen die konterrevolutionären Kräfte“ (283) zusammenstehen. Die Dokumentensammlung kann als Hinweis für ein weiteres Quellenstudium zum Thema vielleicht genutzt werden. Mehr als problematisch ist allerdings die Haltung, diese Dokumente als Abbild der Wirklichkeit verstehen zu wollen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.612.222.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Klaus Kukuk (Hrsg.): Prag 68. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29714-prag-68_35189, veröffentlicht am 07.11.2008. Buch-Nr.: 35189 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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