Skip to main content
/ 11.06.2013
Klaus Harpprecht

Im Kanzleramt. Tagebuch der Jahre mit Willy Brandt. Januar 1973-Mai 1974

Reinbek: Rowohlt 2000; 591 S.; geb., 24,54 €; ISBN 3-498-02956-8
Harpprechts Schilderungen geben einen zeitlich wie inhaltlich begrenzten, aber wohl doch einzigartigen Blick in das Innenleben des Bundeskanzleramtes unter Brandt. Es ist die Perspektive des Leiters der Schreibstube des Bundeskanzlers, der einen guten Teil der nachhaltigen Brandt'schen Sprachwendungen mitprägte ("Gute Nachbarschaft" [21]). Harpprecht betreute in dieser Zeit das konzeptionelle Projekt der "Neuen Mitte", er arbeitete an den wichtigen Reden des Kanzlers, bereitete das Buch "Über den Tag hinaus" vor und hatte eine Reihe von weiteren Funktionen - etwa die, "Kontakte mit den offeneren Geistern der CDU - wie Richard von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf" (12) zu halten. Die Notizen aus dem Zeitraum Januar 1973 bis Mai 1974, also bis zum Rücktritt Brandts, gehen auf besprochene Tonbänder Harpprechts zurück, die er nach eigenem Bekunden nur an wenigen Stellen gekürzt hat. An einigen Stellen sind Originalvermerke und Papiere wiedergegeben ("Gesprächsvorschläge für Diskussion über allgemeine Grundsätze der 'Neuen Mitte'" [324 f.]). Der einleitende Teil über die Regierungserklärung 1973 ist der inhaltlich wohl straffste, der einen guten Einblick in diese für das Regieren so wichtige, sprachlich-konzeptionelle Arbeit und ihre verwaltungstechnische Einbettung gibt. Schon hier wird die Orientierung am Vorbild der USA beziehungsweise Kennedys deutlich, wenn Harpprecht die Regierungserklärung dem "Typus inauguration speech" (19) verstanden haben will und von der zu schaffenden "Vision im Alltag" (21) schreibt. In den folgenden Eintragungen wechseln dichte mit eher plaudernden Passagen; Gespräche im Ausland oder mit englischen Gesprächspartnern sind im unmittelbaren Eindruck noch in englischer Sprache gehalten. Kommentare zur Abendgarderobe und zur Physiognomie einiger Gäste bei offiziellen Anlässen wechseln mit hellwachen Aussagen zu sprachlichen Nuancen der dargebotenen Reden. Durch all dies dringt unübersehbar die Spiegelung der intellektuellen Fähigkeiten Harpprechts; seine Lust am Urteilen - ästhetisch, literarisch, politisch - direkt, selbstbewusst bis arrogant und auch an Nebensächlichkeiten verhaftet. Was den politischen Gehalt angeht, muss das Buch auf die vor Harpprechts Amtszeit liegenden Ereignisse wie die Grundlegung der Ostpolitik oder das gescheiterte Misstrauensvotum verzichten. Der UNO-Beitritt, der Israel-Besuch und die Beziehungen zu den USA sind einige der Schwerpunkte dieser wenigen Monate. Symptomatisch ist dabei der Blick "hinter die Kulissen" der Brandt'schen Politik. Das Beziehungsgefüge zwischen Harpprecht, Günther Gaus (damals Beauftragter der Bundesregierung im Rang eines Staatssekretärs), Egon Bahr (Bundesminister für besondere Aufgaben beim Bundeskanzler), Rüdiger von Wechmar (Leiter des Presse- und Informationsamtes), Per Fischer (Ministerialdirigent auswärtige und innerdeutsche Beziehungen im Kanzleramt) oder aber "Außenstehenden" wie Günter Grass ("bohrende gekränkte Eitelkeit" [306]) und Golo Mann erweist sich als sehr facettenreich, ja ambivalent. Neid, Eitelkeiten, Rivalitäten, das Verlangen nach dem größten Anteil, der größten Nähe in der Sonne des Bundeskanzlers sind unverkennbar. Eine bemerkenswerte Tendenz: Alles in allem erfährt man mehr über innerparteiliche Konflikte als über die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Und doch ist das Gefühl einer Zusammengehörigkeit, einer eingeschworenen Gemeinschaft in besonderer historischer Situation aus den Eintragungen herauszulesen. Der "Held" Brandt wird durchgängig beschworen. So schreibt Harpprecht anlässlich neuer Enthüllungen im Watergate-Skandal: "Mir wäre nicht wohl in der Haut, wenn ich als den Verantwortlichen unserer Dinge nicht einen Mann mit einem so tiefen Instinkt für das Rechte und das Rechtliche wüsste wie Willy Brandt. Für eine andere Regierung könnte und wollte ich nicht arbeiten." (258) Daneben immer wieder der Hinweis auf die menschlichen, humorvollen Qualitäten Brandts: "einer der wenigen Deutschen, die albern sein können" (107). Hinter all diesen Bemerkungen drängt sich die Assoziation jenes für die Regierung Kennedy pathetisch geprägten Begriffs des "Camelot", der Versammlung der "best and brightest" auf, die sich - unter deutschen Bedingungen, aber zutiefst vom amerikanischen Vorbild geprägt - hier im Alltag bewähren musste. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der gemeinsame journalistische Hintergrund führender Mitarbeiter Brandts, der dazu einmal bemerkte: "[A] government for journalists, by journalists, through journalists!" (103) Unausweichlich kommt es schließlich zum "Schock" (17) über den Rücktritt. Harpprecht notierte zu den Gesprächen im Kanzleramt: "Ich fragte, ob alles bedacht sei, und dann fasste ich meine Argumente vom Samstag noch einmal zusammen: das schreckliche Risiko für den Staat, für die Demokratie, die Furcht, dass wir vor die Hunde gehen. Und Europa dazu." (542) Das Gefühl der "Angst, die deutsche Demokratie könne zum Teufel gehen" (549) bricht sich im Moment des Rücktritts ungehindert Bahn: "Weimar hat begonnen." (557) Harpprechts Eintragungen sind eine unverzichtbare Quelle für die Brandt-Jahre.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.32.313 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Klaus Harpprecht: Im Kanzleramt. Reinbek: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12022-im-kanzleramt_14346, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14346 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA