/ 04.06.2013
Hans Modrow
Ich wollte ein neues Deutschland. Mit Hans-Dieter Schütt
Berlin: Dietz Verlag 1998; 480 S.; 2. Aufl.; 48,- DM; ISBN 3-320-01953-8Mit diesem Buch liegen also nun auch die Erinnerungen von Modrow vor, die mit einem wohl bewußt an die Schilderungen Kohls ("Ich wollte Deutschlands Einheit") erinnernden Titel die persönliche Perspektive Modrows auf die entscheidenden Monate des Jahres 1989/90 eröffnen. Doch Modrows Erinnerungen beschränken sich keinesfalls auf die Vereinigung. Als Lebenserinnerungen umfassen sie Kindheit, sowjetische Kriegsgefangenschaft und politische Schulung, Berufsausbildung und Parteikarriere: vom Sekretär des Zentralrates der FDJ und erstem Sekretär der FDJ-Bezirksleitung Berlin zum 1. Kreissekretär Köpenick und Sekretär für Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Berlin. Nach der Funktion als Abteilungsleiter Agitation im ZK der SED wurde er dann 1973 Erster Sekretär der Bezirksleitung Dresden und von diesem Posten aus kam er auf unverhofftem Wege 1989 ins Ministerpräsidentenamt der DDR. Modrows Schilderungen sind aber auch keine bloße chronologische Wiedergabe dieser Lebensstationen, sondern ständig verbunden mit der Frage nach der Richtigkeit und der Rechtfertigung des eigenen Handelns. Unter diesem Motto steht auch das Interview mit dem Co-Autoren und Redakteur des "Neuen Deutschland", Schütt, am Anfang des Buches. Schon hier klingt die Ambivalenz von der Erkenntnis des Fehlverhaltens auf der einen und dem Beharren auf Grundpositionen auf der anderen Seite an. Sie ist in einer Fülle paradox anmutender Formulierungen (von Schütt und/oder Modrow) greifbar: "Als er DDR-Premier wurde, Ende 1989, galt schon das Gesetz des Stärkeren. So wurde er zum akkuraten Sinnbild einer sterbenden Republik, deren Hilflosigkeit ebenso dokumentierend wie ihren würdevollen Trotz." (9) Modrow erspart sich kaum eine selbstkritische Frage; gleichzeitig nutzt er jedoch die Antworten zur Rechtfertigung und Relativierung. Letztlich kann er sich nicht zur Anerkennung grundsätzlicher Unterschiedlichkeit der politischen Verfaßtheit von Bundesrepublik und DDR durchringen. Diese Sichtweise prägt nicht nur die Erzählung des innerdeutschen Verhandlungsprozesses, in dem sich Modrow von Kohl ungebührend behandelt fühlt, sondern bestimmt auch weiterhin die politische Sichtweise des jetzigen PDS-Ehrenvorsitzenden: "Diese absoluten Mehrheiten, wie sie heute die Christdemokraten zum Beispiel in Sachsen verkörpern, die sind im Prinzip mit einem solchen Verhalten zur Macht verbunden, das sich von dem der SED-Führung in nichts unterscheidet." (14) Wenn Modrow auch über Mängel des DDR-Sozialismus sinniert, so wettert er auf der anderen Seite mindestens ebenso deutlich gegen die "Amoralität des Kapitalismus" (15). Trotz aller Brüche und Revisionen in seinem Leben hält er daran fest, sowohl nach dem Krieg, in der DDR als auch nach der Wende ein neues Deutschland gewollt zu haben, dessen Ideale er in einem reformierten Sozialismus begründet sieht. Mit Modrows Erinnerungen wird die bestehende Memoiren-Literatur um eine weitere Perspektive bereichert - allerdings weniger durch Hintergrundinformationen als vielmehr durch persönliche Auffassungen und politische Überzeugungen, die auch stark rechtfertigenden Charakter haben.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Hans Modrow: Ich wollte ein neues Deutschland. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5717-ich-wollte-ein-neues-deutschland_7437, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7437
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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