/ 21.06.2013
Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart
Tony Judt
Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork und Hainer Kober
München/Wien: Carl Hanser Verlag 2006; 1.024 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-446-20777-6Wer in diesem umfangreichen Werk des britischen Historikers meint, in Fußnoten schwelgen zu können, wird enttäuscht. Judt hat eine große Erzählung geschrieben, die mit einem sehr kleinen wissenschaftlichen Apparat auskommt. Das mag dem Historiker bedauerlich erscheinen, mindert den Erkenntnisgewinn jedoch nicht und steigert ganz bestimmt das Lesevergnügen. Judt erzählt von dem langen Schatten des Zweiten Weltkriegs. „Der Erste Weltkrieg zerstörte das alte Europa, der Zweite schuf die Bedin...
Tony Judt
Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork und Hainer Kober
München/Wien: Carl Hanser Verlag 2006; 1.024 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-446-20777-6Wer in diesem umfangreichen Werk des britischen Historikers meint, in Fußnoten schwelgen zu können, wird enttäuscht. Judt hat eine große Erzählung geschrieben, die mit einem sehr kleinen wissenschaftlichen Apparat auskommt. Das mag dem Historiker bedauerlich erscheinen, mindert den Erkenntnisgewinn jedoch nicht und steigert ganz bestimmt das Lesevergnügen. Judt erzählt von dem langen Schatten des Zweiten Weltkriegs. „Der Erste Weltkrieg zerstörte das alte Europa, der Zweite schuf die Bedingungen für ein neues. Nach 1945 lebte ganz Europa aber noch jahrzehntelang im Schatten der Diktatoren und Kriege der unmittelbaren Vergangenheit.“ (21) Der englische Titel „Postwar“ ist angesichts dieser Kernthese sehr viel treffender als der allzu konventionelle deutsche. Der Schatten lag am längsten auf Osteuropa. Es ist deshalb ein sehr verdienstvolles Projekt, eine gesamteuropäische Geschichte zu erzählen. Judt stellt dabei vier Perspektiven ins Zentrum: den Niedergang Europas auf der internationalen Bühne, den Verlust sämtlicher ideologische Projekte, wie sie noch das 19. Jahrhundert bestimmt hatten, die europäische Einigung und das schwierige Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Die Einteilung in vier Perioden ist nachvollziehbar und durch einschneidende Ereignisse markiert. Judt beschränkt sich jedoch keineswegs auf die chronologische Darstellung von Ereignissen. Er streut immer wieder Reiseeindrücke und teils ironische Anekdoten ein, interessiert sich aber nicht für wissenschaftliche Theorien. Im Vordergrund steht die politische Geschichte des Kontinents, aber auch sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte werden ausgiebig berücksichtigt. Im Epilog liefert Judt dann eine nachdenkliche Betrachtung der Erinnerungskultur in Europa. Ihm scheint ein gewisses Maß an „Vernachlässigung und sogar Vergessen [...] notwendige Bedingungen für gesellschaftliche Gesundheit“ (965). Vorausetzung dafür sei aber gewesen, dass Europa sich intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt habe. „Eine Nation muss erst etwas zu erinnern haben, bevor sie etwas vergessen kann.“ (965).
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.61
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Tony Judt: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. München/Wien: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26497-geschichte-europas-von-1945-bis-zur-gegenwart_30885, veröffentlicht am 16.08.2007.
Buch-Nr.: 30885
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M. A., Politikwissenschaftler.
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