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/ 22.05.2014
Judith Gurr

Freundschaft und politische Macht. Freunde, Gönner, Getreue Margaret Thatchers und Tony Blairs

Göttingen: V&R unipress 2011 (Freunde – Gönner – Getreue. Studien zur Semantik und Praxis von Freundschaft und Patronage 4); 291 S.; geb., 44,99 €; ISBN 978-3-89971-893-5
Diss. Freiburg; Begutachtung: G. Riescher, F.‑J. Brüggemeier. – Seit mehreren Jahren ist die politische Freundschaft in Verruf geraten und wird durch Begriffe wie Patronage oder Nepotismus negativ konnotiert. Wenngleich die hierunter gefassten Konzepte auf sehr wohl wichtige problematische Facetten aufmerksam machen, sind persönliche Nahbeziehungen ein bedeutendes Moment innerhalb des Politischen. Judith Gurr untersucht deshalb „Freundschaft als politische Kategorie sowie ihre Funktionen innerhalb politischer Führungskreise“ (12). Sie geht von zwei Hypothesen aus, die sie im Zuge ihrer Arbeit überprüft. Erstens nimmt Gurr an, dass mit dem Übergang in die Moderne eine Bedeutungsverschiebung interpersonaler Nahbeziehungen einherging, die sich im Wesentlichen in den Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen abspielte. Zweitens vermutet die Autorin, dass in modernen Gesellschaften politische Freundschaften ein wirkungsmächtiges Element im Alltagsgeschäft, in Konflikt‑ und Krisensituationen und zur Erschließung neuer Einfluss‑ und Gestaltungsmöglichkeiten sind. Anders als der Untertitel es vermuten lässt, verwendet Gurr zunächst einen Großteil der Arbeit darauf, die kulturgeschichtlichen Etappen und wichtige philosophische Werke nach dem Verständnis von Freundschaft zu befragen sowie die Wandlungen, aber auch überzeitliche Merkmale zu analysieren. Diese bemerkenswerte Leistung dürfte insbesondere für Politiktheoretiker_innen interessant sein. Für die Überprüfung ihrer ersten Hypothese untersucht Gurr dann den Stellenwert von Freundschaft‑, Gabentausch‑ und Patron‑Klient‑Beziehungen in vormodernen und modernen Gesellschaften. Sie kann herausarbeiten, dass die Wirksamkeit vormoderner Sozialbeziehungen im Zuge der Transformationsprozesse zwar eingeschränkt wurde, aber in der Moderne fortbesteht. Erst in den letzten beiden Kapiteln analysiert Gurr die im Untertitel erwähnten Politiker_innen Thatcher und Blair. Beide eint die Tatsache, dass sie der Verwaltungsbürokratie misstrauten. Während allerdings Thatcher bei jenen Mitarbeiter_innen, die keine politischen Ambitionen verfolgten und loyal waren, ehrliches Interesse, Anteilnahme und Fürsorge erkennen ließ, reduzierte Blair (zumindest in der späteren Zeit) persönliche Treue immer mehr auf Nützlichkeit. Auch anhand dieser Beispiele sieht Gurr ihre zweite Hypothese bestätigt.
{IW}
Rubrizierung: 2.612.24 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Judith Gurr: Freundschaft und politische Macht. Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37094-freundschaft-und-politische-macht_41970, veröffentlicht am 22.05.2014. Buch-Nr.: 41970 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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