/ 05.06.2013
Katharina Seifert (Hrsg.)
Durch Umkehr zur Wende. Zehn Jahre Ökumenische Versammlung in der DDR - eine Bilanz
Leipzig: benno Verlag 1999; 232 S.; kart., 26,80 DM; ISBN 3-7462-1306-1Der in den Jahren 1988 und 1989 in Dresden und Magdeburg abgehaltenen Ökumenischen Versammlung in der DDR kommt im Rückblick unzweifelhaft eine Schlüsselrolle für die gewaltlose Revolution im Herbst 1989 zu. Die Autorin, die derzeit an der Universität Freiburg i. Br. an einer Dissertation zum gleichen Thema arbeitet, legt hier die Transkription von vierzehn Interviews vor, die sie zwischen 1994 und 1998 mit wichtigen Akteuren der Ökumenischen Versammlung geführt hat. Zehn Jahre nach den Ereignissen können diese zu Recht als eine Art erste Bilanz bezeichnet werden. Ein Blick auf die Interviewten zeigt, daß der Reiz und Gewinn der Mühe vor allem in der Zusammenschau und im Vergleich der Erinnerungen der damals Handelnden liegt: Carl Friedrich von Weizsäcker, Heino Falcke, Christof Ziemer, Dieter Grande, Lothar Ullrich, Konrad Feiereis, Ulrich Kühn, Friedrich Schorlemmer, Joachim Reinelt, Frank Richter, Karl-Heinz Ducke, Lothar de Maizière, Erich Iltgen, Herbert Wagner. Sie alle werden in der Einleitung knapp in ihrer Rolle während der Ökumenischen Versammlung vorgestellt. Im Anhang finden sich Photographien, eine Chronologie der Ereignisse und eine Zusammenstellung der Veröffentlichung der Interviewten zum Thema. Außerdem hat die Autorin jedem Interview ein ausführlicheres Biogramm mit Bild vorangestellt, aus dem Lebensdaten, Ausbildungsgang und berufliche Tätigkeit der Interviewten hervorgehen. In den Interviews wird nicht nur deutlich, daß im Kreis der Ökumenischen Versammlung trotz der Angst der Delegierten ("Mensch, das können wir doch nicht machen, wir müssen doch weiterleben, wenn wir aus der Synode herauskommen" [96 f.]) die aufgestaute Kritik an Politik und Gesellschaft der DDR erstmals zusammenhängend und öffentlich formuliert werden konnte. Erkennbar wird auch, daß die ökumenische Versammlung in sich von Anfang an hoch politisch war und ideologisch wie personell den Kern des späteren politischen Spektrums der Demokratisierer der DDR in sich trug. Karl-Heinz Duckes Bericht über das Ringen um die Annahme des Papiers 3 "Mehr Gerechtigkeit in der DDR - unsere Aufgabe, unsere Erwartung" zeigt dies beispielhaft (169 f.). Die Vertreter der katholischen Kirche, die sich auf Drängen engagierter Laien zur offiziellen Teilnahme entschlossen hatte, lehnten dieses Papier ursprünglich wegen seiner Sympathie für einen reformierten Sozialismus ab. Als aber der Staatssekretär für Kirchenfragen aus Berlin persönlich anreiste, um unter allen Umständen die Verabschiedung dieses Papiers zu verhindern, bedeutete das, "daß wir als kleine Gruppierung innerhalb der Ökumenischen Versammlung, plötzlich unsere ganze Taktik ändern mußten. [...] Also jetzt mußten wir beschließen, daß das Papier angenommen werden muß" (169), um die direkte Einflußnahme des SED-Staates und damit das Ende des freien Diskussionsprozesses abzuwehren. Verabschiedet wurde so ein Papier, in dem erstmals öffentlich Meinungsfreiheit, Rechtssicherheit und freie Wahlen für die DDR gefordert wurden. Mit anderen Worten: "Die Ökumenische Versammlung war ein wesentlicher und nicht mehr wegzudenkender Schritt von der Diktatur zur Demokratie." (12) Wer sich für die geistesgeschichtlichen und programmatischen Hintergründe der gewaltlosen Revolution des Jahres 1989 interessiert, wird dieses Buch lesen müssen.
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Katharina Seifert (Hrsg.): Durch Umkehr zur Wende. Leipzig: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7934-durch-umkehr-zur-wende_10521, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10521
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Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
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