/ 11.06.2013
Hubertus Knabe
Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen
Berlin: Propyläen Verlag 1999; 590 S.; geb., 49,90 DM; ISBN 3-549-05589-7Bereits 1997 hat der Autor, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, mit einer Vorarbeit zu dieser umfangreichen Studie analysiert, ob die Geschichte der Bundesrepublik in weiten Teilen einer Revision und Neubewertung insofern bedürfe, als weite Teile von ihr nur durch das intensive Einwirken des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR erklärbar seien. Auch in dieser Arbeit, für die er im Auftrag des Deutschen Bundestages die Tätigkeit des MfS in der Bundesrepublik untersucht hat, geht Knabe der erwähnten Frage erneut nach. Das Ergebnis ist im Kern knapp: Das MfS betrachtete seine Aktivitäten in West-Deutschland als Hauptaufgabe und investierte gewaltige personelle und materielle Ressourcen in diese Unternehmung: Seit seiner Gründung gewann das MfS 20.000 bis 30.000 inoffizielle Mitarbeiter für seine Tätigkeit in der Bundesrepublik. Dabei ging es dem Ministerium nicht nur um Informationsbeschaffung zur Beratung der Führung von Staat und Partei, sondern es folgte einem politischen Auftrag, nämlich die SED-Diktatur mit geheimdienstlichen Mitteln zu sichern und zu stärken: "Zu diesem Zweck sollten die Bundesrepublik geschwächt, die Kritiker der DDR zurückgedrängt und letztlich die Bedingungen für den weltweiten Sieg des Sozialismus geschaffen werden." (10) Konkret hieß dies, daß das MfS in Schlüsselbereichen des gesellschaftlichen und politischen Lebens der Bundesrepublik Einfluß zu gewinnen suchte, sei es z. B. durch die Einschleusung von inoffiziellen Mitarbeitern in relevante Entscheidungspositionen, durch die Diskreditierung politischer Gegner oder die allgemeine Unterstützung derjenigen Kräfte, die für eine Anerkennung der DDR und die Aufwertung des Sozialismus als gesellschaftspolitisches Ideal eintraten. Knabe untersucht in exemplarischer Form wichtige Bereiche der Geschichte der Bundesrepublik (bzw. relevante Akteure), in denen er trotz einer schwierigen Aktenlage – ein Großteil der für die Untersuchung relevanten MfS-Bestände ist unmittelbar nach der Wende in der DDR vernichtet worden - die Unterwanderung und Beeinflussung der Bundesrepublik durch das MfS nachweisen kann. Deutlich werden sowohl das Ausmaß der Infiltration bis weit hinein in gesellschaftliche Gruppierungen als auch der offensive Charakter dieser Tätigkeit und das enge Zusammenspiel mit der SED. Das Ministerium war ein Instrument, um der Politik der DDR mit seinen Mitteln auch im anderen Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen. Die Anstrengungen des MfS, aber auch seine Erfolge – dies kann Knabe mit zahlreichen Belegen untermauern – waren enorm.
Inhaltsübersicht: I. Das Schattenkabinett des MfS – Die Stasi und die hohe Politik; II. Die Durchdringung der Parteien – Eine Flurbegehung; III. Die Affärenmacher – Politische Einflußnahme im "Operationsgebiet"; IV. Vergangenheitsbewältigung per Stasi-Dossier – Der Fall Heinrich Lübke; V. Wie Verräter gemacht werden – Die Akte Wehner; VI. Mythos und Wirklichkeit – Die Studentenbewegung; VII. Strategien einer Unterwanderung – Die Friedensbewegung; VIII. Stasi in den Kirchen – Eine Aktenlese; IX. Der lange Arm der Stasi – Die Verfolgung von SED-Kritikern im Westen; X. Die Hochschulen – Kaderschmieden des MfS; XI. Eine Wissenschaft als Feindobjekt – Die DDR- und Osteuropaforschung; XII. Wirtschaftsspionage – Die Stasi als kriminelle Vereinigung.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10721-die-unterwanderte-republik_12675, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12675
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
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