/ 03.06.2013
Gregor Gysi
Das war's. Noch lange nicht! Autobiographische Notizen
Düsseldorf: Econ 1995; 336 S.; geb., 39,80 DM; ISBN 3-430-13689-XNun gibt es also auch von Gregor Gysi, gerade erst 48 Jahre alt, eine erste autobiographische Publikation. Der Anlaß dazu war sein Rücktritt vom Amt des PDS-Parteivorsitzenden im Januar 1993, den er in seiner Abschiedsrede mit dem Satz vollzog, der nun den Buchtitel abgibt. Dieser Rücktritt scheint für Gysi ein solch einschneidendes Ereignis gewesen zu sein, daß er ihn als Anlaß für eine erste Zwischenbilanz seines politischen Lebens nahm. Mehr als die im Untertitel angekündigten Notizen sind seine Gedanken allerdings nicht. Zwar beginnt Gysi mit einer kurzen Beschreibung seines Lebens als Sohn des späteren Sekretärs für Kirchenfragen, Klaus Gysi, zu dem er offensichtlich ein nicht unproblematisches Verhältnis hatte. Doch ist sein Buch eher eine Beschreibung seines politischen Aufstiegs zum SED-PDS-Vorsitzenden in den Monaten der Wende und der Entwicklung der PDS zur linken Störgröße der SPD nach der Wiedervereinigung denn eine komplette Lebensgeschichte.
Anders als im Klappentext angekündigt, vermag Gysi in diesem Buch seine in Talkshows so geschätzte Entertainerart nicht zu entfalten. Streckenweise ist es nicht amüsant, dem wenig strukturierten Text zu folgen. Schlimmer noch: Auch Gysi verfällt in den unter PDS-Politikern so oft anzutreffenden Mix aus Selbstmitleid, Uneinsichtigkeit und Selbstüberschätzung, der ihn daran hindert, die Ursachen für den Niedergang der DDR und die relative Alternativlosigkeit zur deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 genauer in den Blick zu bekommen. Zwar mangelt es ihm nicht an richtigen Befunden, daß und warum die DDR keinen wirklich demokratischen Sozialismus installieren wollte. Doch seine Bewertungen des Wendejahres sowie der Rolle der abgewirtschafteten Staatspartei verkennen die politische Lage dieser Monate. Es ist außerdem nichts weniger als Zweckoptimismus, der PDS eine entscheidende Rolle im zukünftigen Parteienspektrum der Bundesrepublik zu prophezeien. Hier spricht der Parteistratege Gysi, nicht der im Rückblick Klarsichtige. Sein Bemühen, sich gegen Vorwürfe alter Mandanten und der Justiz zur Wehr zu setzen, vermag nicht über das schon bekannte Maß an Selbstentschuldung hinauszugehen.
Recht interessante Ausführungen finden sich in den Passagen zur Bürgerbewegung, enttäuschend dagegen sind seine Eindrücke zur letzten Volkskammer der DDR. Kopfschütteln dürfte seine fast hymnische Verklärung von Hans Modrow auslösen, den er als den wahren Stifter der deutschen Einheit bezeichnet. Dagegen darf man Gysis Versuch, sich selbst nur als getreuen Parteisoldaten, der ohne eigenes Zutun und gegen seinen ureigentlichen Willen Parteivorsitzender wird, getrost als Legendenbildung einordnen. Wie wenig Gysi von der Politik lassen kann, zeigen einige Dokumente im Anhang, in denen er u. a. seinen Rücktritt als PDS-Vorsitzender darlegt.
Scharfsichtig dagegen sieht Gysi die Bruchlinien und Konfliktgruppen innerhalb seiner Partei. Insbesondere die stalinistische Plattform um Sahra Wagenknecht kritisiert er scharfzüngig. Es wird deutlich, daß man Gysi sehr wohl als innerparteilichen Moderator zwischen divergierenden Flügeln sehen muß, dem eine Rückkehr zu alten Mustern innerparteilicher Intoleranz fern liegt. Ob er dadurch gleich zum demokratischen Sozialisten mutiert, werden insbesondere linke SPD-Politiker heute doch stark in Zweifel ziehen. Darum: Wir sollten auf Gysis Memoiren warten, um mehr Wahrheiten und Einsichten von ihm zu erfahren.
Christopher Hausmann (CH)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 | 2.331 | 2.35 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Christopher Hausmann, Rezension zu: Gregor Gysi: Das war's. Noch lange nicht! Düsseldorf: 1995, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1429-das-wars-noch-lange-nicht_1615, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 1615
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M. A., Politikwissenschaftler.
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