/ 08.05.2014
Albrecht Müller
Brandt aktuell. Treibjagd auf einen Hoffnungsträger
Frankfurt a. M.: Westend Verlag 2013; 158 S.; 12,99 €; ISBN 978-3-86489-064-2Der 100. Geburtstag Willy Brandts im Dezember 2013 hat eine unüberschaubare Menge an Publikationen mit sich gebracht. Kaum ein Autor ist dabei mit einer solch offenkundigen Agenda angetreten wie der frühere Wahlkampfmanager Brandts: Bereits der Untertitel deutet an, dass Albrecht Müller von einer „Treibjagd“ auf den Ex‑Kanzler ausgeht, nicht nur von politischen Gegnern in den Unionsparteien, sondern von „rechtsnationalen Kräften aus Industrie und Wirtschaft, die viel Geld in die Hand nahmen, um den amtierenden Kanzler Brandt zu diskreditieren“ (7). Und auch innerhalb der SPD sei gegen den Parteivorsitzenden und Bundeskanzler agitiert worden, „wesentlich verdeckter zwar, aber [...] nicht folgenlos“ (7). Ein Großteil der Öffentlichkeit, selbst der Sozialdemokraten, habe dies nicht bemerkt. Diese Verbindung von außer‑ und innerparteilichen Gegnern habe Brandt keine Chance gelassen; letztlich – so die Grundthese Müllers – war sein Scheitern als Kanzler unabwendbar. Auf die Vorwürfe und Parolen hatte der Autor damals einen genauen Blick, war er doch unter anderem als Leiter der Planungsabteilung im Kanzleramt schon von Berufswegen damit konfrontiert. So berichtet er etwa vom Wahlkampf 1972 und dem „Putschversuch des Großen Geldes“ (46) – der Anzeigenkampagne gegen Brandt, die im Anhang anhand zahlreicher zeitgenössischer Zeitungsausschnitte illustriert wird. Unberechtigte Vorwürfe – etwa die Brandt häufig attestierte Führungsschwäche in der Partei – sind für Müller „als Wahrheit in unsere Geschichtsbücher gerutscht“; so etwas sei ein „typischer Fall von übler Nachrede“ (73). In ähnlicher Manier bringt er zu den immer gleichen Vorwürfen immer gleiche Gegenargumente, was teils wie eine beleidigte Litanei wirkt, zumal er mehr als einmal ins Polemische abdriftet. Beispielsweise verbeißt er sich seitenweise in die Person Herbert Wehners, dem er in inniger Abneigung verbunden ist und dessen Illoyalität er kritisiert. Nun sind solche und andere Aspekte von Brandts Scheitern in der gängigen Literatur keineswegs unsichtbar, für Müller aber unterrepräsentiert. In seinem Streben nach Richtigstellung legt er eine Mischung aus Memoirenband und persönlicher Abrechnung vor, bei dem vieles im Anekdotenhaften bleibt.
Frank Kaltofen (FK)
Politikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.331 Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Albrecht Müller: Brandt aktuell. Frankfurt a. M.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37052-brandt-aktuell_45055, veröffentlicht am 08.05.2014. Buch-Nr.: 45055 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenPolitikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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