/ 17.06.2013
Jan Schönfelder / Rainer Erices
Willy Brandt in Erfurt. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970
Berlin: Ch. Links Verlag 2010; 332 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-86153-568-3„Ich war bewegt und ahnte, dass es ein Volk mit mir war“ (208), zitieren die Autoren Brandts später in seinen „Erinnerungen“ niedergeschriebene Gefühle in dem Moment, als er in Erfurt an das Hotelzimmerfenster trat und ihm die Menschen zujubelten. Und dieses Gefühl, diese Erfahrung des noch immer existierenden deutschen Zusammengehörigkeitsgefühls war vielleicht das wichtigste Ergebnis dieses ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffens am 19. März 1970. Diesen Eindruck filtern Schönfelder und Erices aus ihrer minutiösen Chronik von der ersten Idee über die komplizierten Vorverhandlungen bis zur Nachlese des Treffens zwischen dem Bundeskanzler und dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates Willi Stoph heraus. Es überrascht fast, dass Stoph tatsächlich einen Moment lang benötigte, um zu realisieren, dass schon die ersten „Willy“-Rufe auf dem Bahnhofsvorplatz nicht ihm galten. Folgt man den Schilderungen der Autoren, müssen die SED-Oberen aber zumindest geahnt haben, dass die eigene Bevölkerung nicht rundherum vom Sozialismus überzeugt war – so erklären sich das Misstrauen gegenüber dem Ansinnen der westdeutschen Seite, persönlich miteinander zu reden, die Statuskämpfe, die mit dem zuerst vorgeschlagenen Tagungsort Ost-Berlin verbunden waren, und die Propaganda-Schlachten, die gegen die neue Bundesregierung und ihre Ostpolitik ausgetragen wurden. Schönfelder und Erices lassen keinen Zweifel daran, dass erst der deutliche Hinweis aus Moskau die DDR-Regierung davon abhielt, das Gipfeltreffen schon in der Planung scheitern zu lassen. Immer wieder taucht in der Chronik der Ereignisse zudem Honecker als derjenige auf, der das Treffen gerne verhindert hätte und versuchte, es gegen Ulbricht zu wenden. Zu den eher amüsanteren Details der Geschichte gehören die Schilderungen, wie Erfurt kurz vor dem Treffen herausgeputzt und das Hotel neu möbliert wurde. Tragisch dagegen sind die wahrscheinlich über 100 Festnahmen nach den Jubelrufen. Politisch betrachtet sei das Treffen „faktisch ergebnislos“ geblieben, schreiben die Autoren. „Trotzdem begann mit den Gesprächen von Erfurt das Tauwetter in den deutsch-deutschen Beziehungen“ (275).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.313 | 2.314 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jan Schönfelder / Rainer Erices: Willy Brandt in Erfurt. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14850-willy-brandt-in-erfurt_38387, veröffentlicht am 20.05.2010.
Buch-Nr.: 38387
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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