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/ 05.06.2013
Hubertus Knabe

West-Arbeit des MfS. Das Zusammenspiel von "Aufklärung" und "Abwehr"

Berlin: Ch. Links Verlag 1999 (Analysen und Dokumente; Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik 18); 598 S.; geb., 48,- DM; ISBN 3-86153-182-8
Trotz inzwischen zahlreich vorliegenden, nicht zuletzt aus der Feder Knabes stammenden Untersuchungen bietet jeder neue Band immer neue Überraschungen, und diese Arbeit bildet keine Ausnahme von der Regel. Knabe und die für einzelne Teilabschnitte verantwortlich zeichnenden Koautoren sind durchweg Mitarbeiter der Gauck-Behörde. Allein schon die von 1969 bis 1989 reichenden 21 Dokumente (304-554) sind in ihrem Umfang, ihrer Akribie, ihrer formelhaften Pedanterie und ihrer gleichbleibenden Unmenschlichkeit eine faszinierende Lektüre. Bei den "Überlegungen zur Konzeption der Aufklärung" (510-517) muss man mehrfach hinschauen, um das Datum 24. November 1989 zu glauben. Denn bei allem scheinbaren Eingehen auf die geänderte Lage hat sich doch im Grunde für das MfS überhaupt nichts geändert; "Schutz und Arbeitsfähigkeit des IM-Netzes im Operationsgebiet und in der DDR" (510) haben unverändert höchste Priorität. Man liest und staunt. Auch zuvor gibt es genug zu staunen, nicht zuletzt über die bemerkenswerten Erfolge der in Richtung Bundesrepublik gerichteten Arbeit des MfS. Über zwei Millionen Bundesbürger waren in den Akten erfasst, und die Schlagkraft des MfS führt Knabe in erster Linie zurück auf "das mit etwa 91000 hauptamtlichen Mitarbeitern enorme personelle Potential des MfS, dem ein verhältnismäßig kleines Einsatzgebiet - im wesentlichen die beiden deutschen Staaten - gegenüberstand" (302). Ein Tenor der einzelnen Kapitel, die institutionellen Aufbau wie Politik wie Resultate untersuchen, ist die untrennbare Verbundenheit der MfS-Arbeit in der DDR wie in der BRD. Bei aller wissenschaftlichen Akkuratesse der Aufarbeitung liest sich der Band doch auch immer wieder wie ein Thriller aus der Welt eines John LeCarré. Nur dass es hier eben die Wirklichkeit war. Aus dem Inhalt: 2. Fragestellung und methodisches Vorgehen: 2.1 Zum Begriff der West-Arbeit. 3. Forschungsstand und Quellenlage: 3.1 Publikationen zur West-Arbeit des MfS; 3.2 Überlieferungslage beim Bundesbeauftragten (Jochen Hecht / Birgit Sündram). 4. Zur Bedeutung der West-Arbeit im MfS; 5. Zur West-Arbeit ausgewählter Diensteinheiten: 5.1 Auslandsspionage und "aktive Maßnahmen" in der Bundesrepublik - Die Hauptverwaltung A; 5.2 Bearbeitung von Geheimdiensten, Korrespondenten und anderen "feindlichen Zentren" - Die Hauptabteilung II (Hanna Labrenz-Weiß); 5.3 "Aufklärung" des Funkverkehrs und der Telefongespräche in Westdeutschland - Die Hauptabteilung III (Andreas Schmidt); 5.4 Wirtschaftsspionage und Überwachung westlicher Geschäftsleute - Die Hauptabteilung XVIII; 5.5 "Offensive Kampfmaßnahmen im Operationsgebiet" - Das Arbeitsgebiet "S" der Arbeitsgruppe des Ministers; 5.6 "Abwehr" und Unterstützung des internationalen Terrorismus - Die Hauptabteilung XXII (Tobias Wunschik); 5.7 Kampf gegen Flucht und Ausreise - die Rolle der Zentralen Koordinierungsgruppe (Bernd Eisenfeld). 6. Auswirkungen der West-Arbeit: 6.1 Datentransfer nach Moskau (Monika Tantzscher); 6.2 Wirkungen in der Bundesrepublik - eine vorläufige Bilanz.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3142.315 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Hubertus Knabe: West-Arbeit des MfS. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8361-west-arbeit-des-mfs_11035, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11035 Rezension drucken
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