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/ 22.06.2013
Terry Eagleton (Hrsg.)

Warum Marx recht hat. Aus dem Englischen von Hainer Kober

Berlin: Ullstein 2012; 288 S.; geb., 18,- €; ISBN 978-3-550-08856-8
Der Kapitalismus mag „in den letzten Jahrzehnten seinen Charakter verändert“ (15) haben, die ihm zugrunde liegende Logik ist aber im Wesentlichen unangetastet. Der „Kapitalismus ist nur fähig, eine Zukunft zu erfinden, die seine Gegenwart rituell reproduziert“. Also gibt es nach Ansicht von Terry Eagleton, Professor für Englische Literatur an der University of Manchester, keinen Grund anzunehmen, dass sich Karl Marx’ Theorie erledigt haben sollte. Vielmehr fragt er sich geradezu verwundert, warum wir „hartnäckig an dem Mythos fest[halten], der fabelhafte Reichtum, den diese Produktionsweise hervorbringe, werde, wenn die Zeit reif sei, allen zugutekommen“ (23). Diesem Mythos begegnet er in bester aufklärerischer Absicht, indem er sich mit zehn zentralen Einwänden auseinandersetzt, die immer wieder gegen die Marx’sche Kapitalismuskritik vorgebracht werden. So widerspricht Eagleton beispielsweise dem Vorwurf, der Marxismus sei ein blauäugiger Traum von Utopia, der an der egoistischen Natur des Menschen scheitern werde. Ausführlich legt er dar, dass „die freie Entfaltung von Individuen das einzige Ziel seiner Politik ist, solange wir uns vor Augen halten, dass diese Individuen irgendeine Form der gemeinsamen Entfaltung finden müssen“ (108). Eagleton erläutert die grundlegenden Überlegungen von Marx zur Stellung des Einzelnen, zu Wirtschaft und Gesellschaft und erklärt so en passant, warum der Sozialismus im Ostblock scheitern musste (vor allem, weil nicht die ganze Welt gleichzeitig sozialistisch wurde) – und Stalin, der gewaltsam eine ganze Epoche prägte, erscheint als Betriebsunfall der Geschichte. Diese Leichtigkeit, mit der Eagleton die Theorie ihrer ausgelebten Praxis entkleidet, befremdet allerdings. Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit eine Theorie aus dem 19. Jahrhundert das geeignete Mittel ist, die Komplexität moderner demokratischer (!) Gesellschaften im 21. Jahrhundert zu erfassen – die Aussage, dass „Marxisten gewisse Vorbehalte gegenüber der parlamentarischen Demokratie“ (221) haben, weil diese nicht ausreichend demokratisch sei, kann Eagleton nicht mit Marx belegen und erscheint, da einer genaueren Erörterung entzogen, insgesamt schwach. Als politische Handlungsanweisung ist dieses Essay aber sicher sowieso nicht zu lesen, eher injiziert Eagleton dem Kapitalismus ein – nach wie vor starkes – Kontrastmittel, um falsche Versprechungen und Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen. Zugleich ist diese äußerst unterhaltsame Schrift auf jeden Fall wie beabsichtigt „eine klare und verständliche Einführung“ (10) in das Marx’sche Werk.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.335.422.22 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Terry Eagleton (Hrsg.): Warum Marx recht hat. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35018-warum-marx-recht-hat_42135, veröffentlicht am 14.06.2012. Buch-Nr.: 42135 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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